MARKTANALYSE 2026

Oldtimer und Klassiker:
Droht der Absturz?

© Jörg Schwieder

Der Deutsche Oldtimer Index legte 2025 nur um 1,85 Prozent zu. Abzüglich der Teuerungsrate bedeutete das für Sammler einen Realverlust. Rund 80 Prozent aller Modelle verloren an Wert oder stagnierten. Gleichzeitig erzielte RM Sotheby's erstmals über eine Milliarde Dollar Jahresumsatz. Der Klassikermarkt bricht nicht zusammen — er teilt sich auf. Eine Analyse der Mechanismen, Mythen und realen Risiken für tausende deutsche Sammler.

Stabiles Niveau, realer Wertverlust

Der Deutsche Oldtimer Index (DOX) ist das wichtigste Barometer für den deutschen Klassikermarkt. Herausgegeben vom Verband der Automobilindustrie (VDA) in Kooperation mit Classic Analytics (Bochum), bildet er 88 repräsentative Fahrzeuge ab. Sein Basisjahr 1999 entspricht 1.000 Punkten. Zum 1. Januar 2025 erreichte er 2.985 Punkte — ein Plus von 1,85 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[1]

Über 25 Jahre summiert sich das zu einer beeindruckenden Gesamtrendite von 198,5 Prozent, was einem durchschnittlichen Jahreszuwachs von 5,6 Prozent entspricht. Doch die jüngsten Zahlen stimmen nachdenklich: Seit 2022 verlangsamt sich das Wachstum kontinuierlich — von 4,8 Prozent auf 1,0 Prozent, dann nochmals 1,0 Prozent, nun 1,85 Prozent. Diese Werte liegen konsistent unterhalb der allgemeinen Inflationsrate, was für Oldtimer-Besitzer einen realen Wertverlust bedeutet. Die Fünfjahresbilanz 2019–2024 ergibt kumuliert +21,7 Prozent — in etwa identisch mit der allgemeinen Teuerungsrate. Real: eine Nullrendite.[2]

DOX-Entwicklung 2015–2025 (nominal & real)

Quelle: VDA / Classic Analytics — Deutscher Oldtimer Index, eigene Darstellung

Wachstumsverlangsamung sichtbar: Nach dem starken Anstieg 2015–2022 flacht die Kurve deutlich ab. Die letzten drei Jahre lagen mit +1,0%, +1,0% und +1,85% konsistent unter der Inflationsrate — realer Wertverlust für Altbestände. Die gestrichelte rote Linie zeigt den inflationsbereinigten Verlauf.

Internationale Indizes bestätigen das Bild. Der Hagerty Blue Chip Index — das globale Referenzbarometer für Spitzenklassiker — fiel im ersten Halbjahr 2024 um drei Prozent, der stärkste Einbruch seit dem Covid-Schock im Mai 2020. Der Ferrari-Index verlor vier Prozent, der American Muscle Car Index fünf Prozent. In Großbritannien verzeichneten laut Hagerty UK 46 Prozent aller gelisteten Modelle Wertverluste, weitere 46 Prozent stagnierten — nur acht Prozent legten zu. Der HAGI Top Index (Historic Automobile Group International, London) stand Mitte 2024 bei minus 1,93 Prozent seit Jahresbeginn.[3][4]

Ein Markt, der sich neu sortiert

Der DOX 2025 offenbart eine bemerkenswerte Heterogenität. Auf der Gewinnerseite des Jahres 2024 steht der Matra Bagheera mit plus 98,6 Prozent — ein Beispiel für seltene, wiederentdeckte Fahrzeuge mit wachsender Fangemeinde. Der Ford Taunus 20 M legte 23,8 Prozent zu, der Renault R4 GTL zwölf Prozent. Die Verliererseite wird angeführt vom BMW 2002 mit minus 9,1 Prozent — dem größten Einzelrückgang im Index — gefolgt vom VW Käfer 1303 mit minus 6,5 Prozent.[5]

Modell Kategorie Veränderung 2024 DOX-Rendite seit 1999
Matra Bagheera Seltener Sportwagen +98,6 % +312,0 %
Ford Taunus 20 M Youngtimer-Kandidat +23,8 % +218,4 %
Renault R4 GTL Kultauto +12,0 % +189,7 %
BMW 3er E21 Youngtimer +4,2 % +691,0 %
VW Bus T2 Ikone +0,3 % +687,5 %
VW Käfer 1303 Massenmodell −6,5 % +142,3 %
BMW 2002 Klassikermarkt-Basis −9,1 % +287,6 %

Für den Porsche 911 Luftgekühlt, das wohl symbolträchtigste Sammlermodell überhaupt, gilt eine differenzierte Analyse. Nach dem Preishöchststand 2015–2018 korrigierten viele Varianten deutlich: Der 911 Turbo 3.3 fiel von 160.000–180.000 Euro auf 90.000–120.000 Euro. Gleichzeitig erzielte ein 964 Carrera RS bei Auktionen über 300.000 Dollar. Der Porsche Club of America konstatierte Ende 2025: Luftgekühlte 911er bleiben „range-bound" — wertstabil, aber ohne dynamisches Aufwärtspotenzial. Der 997.2 Carrera hingegen stieg von 36.000 Dollar (2018) auf Mitte der 60.000er-Marke (2025) — ein Zeichen dafür, dass jüngere Porsche-Modelle die verlorene Aufmerksamkeit kompensieren.[6]

Klassische Oldtimer, insbesondere Fahrzeuge vor 1970, erreichen heute oft nicht mehr die Preise von vor einigen Jahren.

Till Waitzinger, Chief Revenue Officer, OCC Deutschland

Die Auktionshäuser: Flaute in der Breite

Auf den ersten Blick erscheint der Klassikermarkt kerngesund: RM Sotheby's erzielte 2025 erstmals über eine Milliarde Dollar Jahresumsatz — ein historischer Rekord mit 44 Auktionen und einer Zuschlagsquote von 92 Prozent. Höhepunkte waren ein Mercedes-Benz W196R Stromlinienwagen für rund 51 Millionen Euro in Stuttgart, ein McLaren F1 für 25,3 Millionen Dollar in Abu Dhabi und ein Ferrari F40 LM für elf Millionen Dollar in Monterey.[7]

Das Bild täuscht. Bonhams, das traditionsreichste britische Auktionshaus, kämpfte: Beim Goodwood Revival 2024 lag die Zuschlagsquote bei nur 51 Prozent. Bei Gooding Hampton Court wurden lediglich 48 Prozent der angebotenen Fahrzeuge verkauft. Der AssetClassic Auction Index (ACAI) fiel 2024 um 3,5 Prozent — das schwächste dritte Quartal seit 2002. Die globalen Live- und Online-Auktionserlöse sanken gegenüber 2023 um 86 Millionen Pfund auf 575 Millionen Pfund.[8]

Auktionssaal — klassische Fahrzeuge

© Jörg Schwieder

Auffällig ist die wachsende Bedeutung von Online-Plattformen: Bring a Trailer (USA) erzielte 2024 über 1,5 Milliarden Dollar Umsatz — mehr als die gesamte Monterey Car Week — mit 1,36 Millionen registrierten Bietern. 40–47 Prozent aller Lose werden inzwischen ohne Mindestpreis angeboten, ein historischer Höchstwert. Online-Auktionsangebote übertrafen 2024 erstmals die Live-Angebote: 46.900 zu 24.700 Lose. Für 2025 plante BaT die Expansion nach Europa — ein Signal, das den deutschen Markt strukturell verändern könnte.[9]

Was die Experten diagnostizieren

Frank Wilke, Geschäftsführer von Classic Analytics und die zentrale analytische Stimme im deutschen Klassikermarkt, lieferte im November 2024 die treffende Diagnose:

Die Stimmung ist ungebrochen gut, wie wir zum Beispiel an Messebesuchen sehen, aber wenn's ans Kaufen geht, halten die Leute ihr Geld zusammen.

Frank Wilke, Geschäftsführer Classic Analytics, gegenüber dpa, November 2024

In einem Gespräch mit Motor Klassik konkretisierte Wilke die Verwerfungen: Big Healeys, einst für 70.000–80.000 Euro gehandelt, wechseln heute für 30.000–35.000 Euro den Besitzer — ein Preisrückgang von über 50 Prozent. MGA und MG TD, zuvor bei über 40.000 Euro, bringen noch etwa die Hälfte. Seine Empfehlung an Käufer: Der Markt biete „eine Stufe unterhalb der Topmodelle" attraktive Einstiegsgelegenheiten.[10]

Die Optimisten argumentieren mit Langfristdaten. Jens Berner vom Oldtimer-Expertenteam der Südwestbank verwies auf den hauseigenen Südwestbank OTX: +545 Prozent seit 2005, gegenüber +294 Prozent beim DAX und +160 Prozent beim Euro Stoxx 50. Seine Einschränkung: „Unter Renditegesichtspunkten macht eine Investition in einen Oldtimer erst ab 100.000 Euro Sinn." Darunter fressen Unterhaltskosten und Marktilliquidität die Kursgewinne auf.[11]

Beat Rauss, Vermögensverwalter beim Schweizer Family Office Univest (Basel), war deutlich skeptischer:[12]

Grundsätzlich würde ich es niemandem raten, historische Automobile als Investitionsobjekt zu sehen. Die Preise für Oldtimer sind schon an der Decke angestoßen und gehen jetzt wieder leicht zurück.

Beat Rauss, Univest Basel, Business Insider Deutschland, 2024

Die Boomer gehen, die Gen X kommt

Der mächtigste strukturelle Treiber des aktuellen Marktwandels ist nicht Regulierung, nicht Kraftstoffpreis und nicht BEV-Disruption. Es ist Demografie.

Die Versicherungsdaten von Hagerty zeigen eine tektonische Verschiebung: 2022 überholte die Generation X (35 Prozent) erstmals die Babyboomer (34 Prozent) als größte Käuferkohorte. Millennials und Gen Z kamen gemeinsam auf 30 Prozent. Überraschend: 60 Prozent der Gen Z äußerten in Hagerys „Future of Driving Survey" (2024) Interesse am Besitz eines Klassikers — gegenüber nur 31 Prozent der Boomer. Das Interesse junger Menschen an klassischen Autos ist keineswegs erloschen, aber ihr Geschmack ist ein grundlegend anderer.[13]

Was Boomer für begehrenswert hielten — Vorkriegsfahrzeuge, chromblitzende Karosserien der 1950er, britische Roadster der 1960er — lässt die nachrückende Generation kalt. Was sie stattdessen wollen: den BMW E30, den Mercedes W124, den Golf GTI MK1, den Lancia Delta HF Integrale, den Toyota Supra A80. Youngtimer der 1980er bis 2000er sind die Wachstumsklasse des Markts.

Preisentwicklung: Youngtimer vs. klassische Oldtimer 2015–2025 (Index 2015 = 100)

Quelle: Hagerty Price Guide, AutoScout24 Gebrauchtpreisindex, eigene Berechnung

Scherenbewegung seit 2020: Während klassische Oldtimer (Baujahr vor 1975) stagnieren, steigen Youngtimer der 1980er–2000er dynamisch. BMW E36 +245 %, Mercedes W124 +134 %, Renault Twingo I +225 % — die demografische Nachfrage hat sich verschoben.

Wird der Traum zum Desaster für Privatanleger?

Zum 1. Januar 2025 waren in Deutschland 888.355 Fahrzeuge als Oldtimer (H-Kennzeichen) zugelassen — 790.465 davon Personenkraftwagen. Das entspricht rund 1,3 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge. Die Wachstumsrate hat sich von +10,8 Prozent (2022) auf +4,9 Prozent (2025) halbiert — ein erstes statistisches Signal, dass das Interesse am H-Kennzeichen nachlässt.[14]

H-Kennzeichen-Bestand Deutschland 2015–2025 (in Tausend Fahrzeuge)

Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) via ADAC Klassik, eigene Darstellung

Wachstumsabflachung erkennbar: 888.355 Fahrzeuge stehen auf H-Kennzeichen — das Wachstum verlangsamte sich von +10,8 % (2022) auf +4,9 % (2025). Der Bestand wächst weiter, aber die Dynamik nimmt ab. Zeichen eines reifenden, sich stabilisierenden Markts.

Steuerlich gilt: Der Verkauf eines Oldtimers innerhalb von zwölf Monaten nach Erwerb unterliegt der Spekulationssteuer (§ 23 EStG) — Gewinne werden zum individuellen Einkommensteuersatz besteuert. Die Freigrenze liegt seit 2024 bei 1.000 Euro. Nach Ablauf der Jahresfrist ist der Privatverkauf vollständig steuerfrei. Wer jedoch regelmäßig mehr als zwei bis drei Fahrzeuge pro Jahr handelt, riskiert die Einstufung als gewerblicher Händler mit entsprechender Umsatzsteuerpflicht.[15]

Die ehrliche Renditerechnung sieht so aus: Die jährlichen Gesamtkosten eines Oldtimers — Kfz-Steuer mit H-Kennzeichen (191,73 Euro), Versicherung (100–500 Euro), Garagenmiete (600–2.400 Euro), Wartung (rund 2.250 Euro bei 2.500 Jahreskilometern laut Classic Studie 2025) — summieren sich auf 3.000–5.500 Euro pro Jahr. Bei einem DOX-Wachstum von 1,85 Prozent erzielt ein Oldtimer im Wert von 30.000 Euro rechnerisch rund 555 Euro Wertzuwachs jährlich. Der Wertzuwachs wird von den laufenden Kosten in der Regel zunichte gemacht. [16]

BEV-Umbau: Kulturbruch mit Zukunftspotenzial?

Die Frage, ob ein klassisches Fahrzeug mit Elektromotor noch ein Klassiker ist, spaltet die Community wie kaum ein anderes Thema. In Deutschland ist eClassics (Renningen, Baden-Württemberg) der prominenteste Anbieter — in Kooperation mit Volkswagen werden MEB-Antriebskomponenten für historische VW-Modelle verwendet. Ein elektrischer Käfer kostet 99.000 Euro, ein VW T1 Bulli beginnt bei 50.000–64.900 Euro (82 PS, 45 kWh, über 200 km Reichweite).[17]

International führen Everrati (UK, Porsche 964 ab 270.000 Pfund), Lunaz (UK, Rolls-Royce ab 350.000 Pfund) und Voitures Extravert (Niederlande, Porsche 911 ab 300.000 Euro) den Premium-Umbaumarkt an. Eine Umfrage von Heritage Car Insurance unter 845 Oldtimer-Besitzern ergab, dass 82 Prozent eine Elektrokonvertierung ablehnen. Die FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens) bezog offiziell Position:

It is not the shape or body style that makes it 'historic', but the way in which the entire vehicle has been constructed and manufactured in its original form.

Tiddo Bresters, Vizepräsident Legislation, FIVA

Die Rechtslage in Deutschland ist eindeutig: Ein Elektroumbau führt zum Verlust des H-Kennzeichens. Das ersatzweise E-Kennzeichen befreit bis Ende 2030 von der Kfz-Steuer. Eine Einzelabnahme nach §21 StVZO durch TÜV, DEKRA, GTÜ oder KÜS ist Pflicht. Für seltene, matching-numbers Sammlerfahrzeuge ist ein Umbau fast immer wertmindernd — für Massenmodelle mit verschlissenem Antrieb kann er den praktischen Wert erheblich steigern.

Europäischer Markt mit nationalen Eigenheiten

Großbritannien erlebt die schärfste Korrektur. Der Hagerty „Best of British Index" steht auf dem tiefsten Niveau seit seiner Einführung 2018. Jaguar verlor im Mittel 21,4 Prozent, britische Klassiker der 1960er am stärksten. Brexit-Effekte verschärfen die Lage: ATA-Carnets mit 40 Prozent Kaution, 20 Prozent Mehrwertsteuer auf jüngere Importe und gestiegener Verwaltungsaufwand belasten den grenzüberschreitenden Handel. Steuerlich hingegen sind britische Besitzer privilegiert: rollierende 40-Jahres-Befreiung von Kfz-Steuer und MOT, ULEZ-Ausnahme und keine Kapitalertragsteuer auf als „wasting assets" klassifizierte Fahrzeuge.[18]

Frankreich präsentiert sich durch die Rétromobile 2025 (Paris, über 150.000 Besucher) als lebendiger Markt: Artcurial erzielte 24,6 Millionen Euro bei 87 Prozent Zuschlagsquote, darunter Weltrekorde für Ferrari 550 Barchetta und Bugatti EB110 GT. RM Sotheby's verkaufte eine Ferrari 250LM (Sieger Le Mans 1965) für 35 Millionen Euro.[19] Italien zeigt extreme Divergenzen: Lamborghini legte im Mittel zehn Prozent zu, während Alfa Romeo minus 22 Prozent und Maserati minus 14 Prozent verloren.

Europäischer Marktvergleich: Preisindizes 2022–2025 (Index Q1 2022 = 100)

Quelle: Hagerty UK, HAGI, Artcurial, OCC Deutschland, eigene Darstellung

UK fällt am stärksten: Der britische Markt leidet unter Brexit-Effekten und Korrektur überhitzter Nachkriegspreise. Deutschland und Frankreich zeigen stabilere Entwicklung. Die Schweiz fungiert als Safe Haven. Alle Märkte liegen unter Inflationsniveau — realer Wertverlust ist europaweites Phänomen.

Klassische Motorräder als resiliente Nische

Der Markt für klassische Motorräder ist zahlenmäßig eine Nische: Lediglich rund 20.921 Motorräder tragen in Deutschland ein H-Kennzeichen — gegenüber 790.465 Pkw mit Oldtimer-Status. Doch was dem Segment an Volumen fehlt, kompensiert es durch Stabilität.[20]

The market for collectors' motorcycles once again proved to be resilient to the current economic and political uncertainties.

Ben Walker, Bonhams Motorcycle Director — Spring Stafford Sale 2025, £3,19 Mio., 96 % Zuschlagsquote

Die Herbstauktion 2024 brachte 3.236.000 Pfund bei 92 Prozent Zuschlagsquote mit Bietern aus 36 Ländern. Ein 1936er Vincent-HRD Series-A Rapide erzielte in Stafford 322.000 Pfund (Weltrekord), ein 1925er Brough Superior SS100 brachte 276.000 Pfund. Eine Honda CB750 Four-Prototyp erzielte bei Mecum Las Vegas Anfang 2025 313.500 Dollar — Rekord für ein japanisches Motorrad. Anders als beim Automobil-Markt gibt es für Motorräder keinen eigenen Preisindex vergleichbar dem DOX — ein strukturelles Defizit für Markttransparenz.

Cockpit Klassiker-Sportwagen

© Jörg Schwieder

Prognose: Drei Szenarien für 2025–2030

Der Vergleich mit Rolex, Kunst und Wein

Der Oldtimermarkt ist nicht der erste Sammlermarkt, der eine spekulative Überhitzung korrigiert. Die Rolex-Parallele ist instruktiv: Sekundärmarktpreise erreichten im März 2022 einen Durchschnitt von rund 17.206 Dollar, fielen dann um 31 Prozent auf rund 13.426 Dollar bis Mitte 2025. Der Kunstmarkt erlebte einen noch dramatischeren Einbruch: Auktionsumsätze bei Sotheby's, Christie's und Phillips fielen von 7,8 Milliarden Dollar (2022) auf 4,1 Milliarden Dollar (2024) — minus 48 Prozent.[21]

Das marktübergreifende Muster: Alle Sammlermärkte erlebten Pandemie-Booms, gefolgt von Korrekturen. In keiner Kategorie wurden die Vor-Pandemie-Gewinne vollständig ausgelöscht. Blue-Chip-Objekte hielten den Wert besser als spekulative Segmente. Hagerty fasst zusammen: Originalität, Provenienz und Zustand kommandieren in allen Sammlermärkten wachsende Premiums (Wertaufschläge).[22]

Szenario 1: Stabile Konsolidierung

Der Markt bewegt sich fünf bis sieben Jahre seitwärts mit niedriger Volatilität. Spekulation ist aus dem Markt gewichen, die Basis bilden Enthusiasten. Vorkriegs- und 1950er-/1960er-Klassiker verlieren strukturell an Nachfrage, während Youngtimer der 1980er–2000er den stärksten Zuwachs verzeichnen. Experte Waitzinger sieht den „Sweet Spot" bei analogen Fahrzeugen der frühen 1990er bis etwa 2010 — schnell, schön, technisch noch beherrschbar, emotional besetzt durch Generation X und jüngere Millennials.

Szenario 2: Erholung durch externe Impulse

E-Fuels werden kommerziell verfügbar, die Regulierungsdiskussion entspannt sich. Der „Great Wealth Transfer" (geschätzte 100 Billionen Dollar intergenerationaler Vermögenstransfer bis 2048) bringt frisches Kapital in alle Sammlermärkte. JP Morgan akzeptiert bereits Oldtimer als Sicherheit für Millionenkredite — ein institutionelles Vertrauenssignal. Top-Segmente profitieren überproportional.

Szenario 3: Verschärfter Abschwung

Eine europäische Rezession, kombiniert mit aggressiveren Fahrverboten und dem möglichen Wegfall von H-Kennzeichen-Steuervorteilen (der Bundesrechnungshof hat rund 170 Millionen Euro entgangene Kfz-Steuereinnahmen jährlich kritisiert), drückt den Markt um weitere 15–25 Prozent. Besonders betroffen wäre das Mittelsegment, das im spekulativen Boom am stärksten überbewertet wurde.

Fazit: Transformation statt Kollaps

Der Oldtimermarkt bricht nicht zusammen. Er reift. Die Ära zweistelliger Jahresrenditen für beliebige Klassiker ist vorbei. Was bleibt, ist ein segmentierterer, ehrlicherer Markt, in dem Qualität, Provenienz und emotionale Relevanz für die nachrückende Käufergeneration über Wertentwicklung entscheiden.

Drei Erkenntnisse stechen hervor: Erstens ist die demografische Verschiebung der mächtigste strukturelle Treiber — nicht Regulierung, nicht Kraftstoffpreise, nicht BEV. Zweitens korreliert der Oldtimermarkt stärker mit anderen Sammlermärkten als mit traditionellen Finanzmärkten — wer Rolex und Kunst beobachtet, sieht den Oldtimermarkt zwei Jahre früher. Drittens liegt die größte ungenutzte Chance in der Professionalisierung der Preistransparenz: Eine offene Transaktionsdatenbank nach dem Vorbild von Bring a Trailer würde das Vertrauen stärken und strukturelle Ineffizienzen abbauen.

Für die vielen Deutschen, die in den vergangenen Jahren ihren Jugendtraum auf vier Rädern finanziert haben, gilt: Wer ein schönes, gut gepflegtes Fahrzeug besitzt, das er liebt und fährt, hat auch in einem seitwärts tendierenden Markt alles richtig gemacht. Wer primär auf Kapitalanlage spekulierte und die Kostenseite unterschätzte, steht real schlechter da — aber von einem Absturz ist er weit entfernt. Das Garagengold glänzt noch. Nur etwas matter als erhofft.