Fact-Check

Fact-Check: „Diesseits der Apokalypse"

GESAMTURTEIL
Differenziert und im Kern korrekt – mit einem blinden Fleck, der zählt
Marlene Weiß schreibt keinen Entwarnung-Artikel. Sie ordnet den CMIP7-Vorgang sachlich ein, lobt den Rückgang des Extremszenarios als Erfolg des Klimaschutzes und warnt gleichzeitig vor unterschätzten Parallelkrisen wie Biodiversitätsverlust. Die Kernaussagen zur Szenario-Logik sind korrekt. Was fehlt: eine Bezifferung dessen, was der „mittlere Pfad" für Deutschland bereits heute bedeutet. „Diesseits der Apokalypse" ist kein beruhigender Ort.
✓ 3× Korrekt ⚠ 1× Unvollständig ◐ Wichtiger blinder Fleck
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Geprüfter Beitrag
Kommentar zur Nachhaltigkeit – u. a. zum gestrichenen Klimaszenario SSP5-8.5
Marlene Weiß · Süddeutsche Zeitung (SZ Plus) · Juni 2026
Marlene Weiß nimmt in ihrem SZ-Kommentar eine Ortsbestimmung vor: Wo steht die Welt beim Thema Nachhaltigkeit? Sie sieht Fortschritte beim Klima, warnt aber vor dem Biodiversitätsverlust als unterschätzter Parallelproblem. Der Klimapassus stützt sich auf ein reales Ereignis: Im April 2026 strich ein internationales Forscherteam das bisherige Extremszenario SSP5-8.5 aus dem neuen CMIP7-Modellrahmen. Wir haben die zentralen Aussagen gegen verfügbare wissenschaftliche Daten geprüft.
Aussagen im Check
Klimaforscher haben das extremste Emissionsszenario weggelassen, es sei „unplausibel" geworden
✓ Korrekt

Korrekt. Im April 2026 veröffentlichte eine 44-köpfige Forschergruppe das neue Szenario-Rahmenwerk für das Coupled Model Intercomparison Project Phase 7 (CMIP7), die Grundlage künftiger Klimamodellierungen im Umfeld des IPCC. Darin fehlt SSP5-8.5 (Vorgänger: RCP8.5). Die Autoren begründen das mit sinkenden Kosten für erneuerbare Energien, realer Klimapolitik und aktualisierten Emissionstrends. SSP5-8.5 hätte eine Verfünffachung des weltweiten Kohleverbrauchs bis 2100 vorausgesetzt – ein Stresstest-Konstrukt, keine Prognose.

Wichtig: Die Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle stellt klar, dass es sich bei dem CMIP7-Papier um keine neue offizielle Einschätzung des Weltklimarats handelt. Der nächste IPCC-Sachstandsbericht erscheint erst 2029. Medial wurde die Streichung in Teilen dramatisch als „Klimarat sagt Apokalypse ab" gerahmt – das ist falsch. Weiß macht diesen Fehler nicht.

van Vuuren et al., CMIP7/ScenarioMIP, April 2026 Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, Mai 2026 dpa Faktencheck, Mai 2026
Die Streichung ist ein großer Erfolg: Was noch vor wenigen Jahren denkbar erschien, ist heute nicht mehr realistisch
✓ Korrekt

Korrekt und präzise. Das Szenario wird nicht gestrichen, weil die Klimaforschung sich geirrt hätte, sondern weil sich die Welt verändert hat. Der Ausbau erneuerbarer Energien hat das Wachstum fossiler Stromerzeugung in den letzten Jahren faktisch gebremst. In China steigt die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken trotz wachsendem Strombedarf seit Ende 2023 nicht mehr an. Klimaforscher Erich Markus Fischer (ETH Zürich) nennt das ein „Präventionsparadox": Die schlimmsten Szenarien seien nicht eingetreten, weil viele Staaten Klimaschutz betreiben.

Weiß formuliert das treffend: Die erneuerbaren Energien sind vielerorts billiger als fossile, grüne Technologien ein Standortvorteil. Das liegt nicht an Idealismus, sondern an Marktmechanismen. Ein Argument gegen den weiteren Ausbau lässt sich daraus nicht ableiten – im Gegenteil.

Climate Action Tracker, Global Update, Nov. 2025 Fischer / ETH Zürich, zit. n. Klimareporter, Mai 2026
Die Welt befindet sich beim Klima auf einem mittleren Pfad, diesseits der Apokalypse – aber jenseits von allem Erstrebenswerten
✓ Korrekt

Korrekt als Einordnung. Der Climate Action Tracker beziffert die globale Erwärmung unter aktueller Politik auf 2,64 °C bis 2100. Das neue Worst-Case-Szenario in CMIP7 liegt bei rund 3,5 °C. Klimaforscher Detlef van Vuuren (Universität Utrecht), der an den neuen Szenarien mitarbeitete, kommentierte: Die Folgen einer Erwärmung um 3,5 Grad seien „schon schlimm genug" – und ohne ausreichende Gegenmaßnahmen seien auch höhere Werte noch möglich.

Das Pariser Ziel von 1,5 °C gilt als praktisch unerreichbar ohne sofortigen, drastischen Kurswechsel. „Mittlerer Pfad" ist damit keine Beruhigung, sondern eine Lagebeurteilung – die Weiß selbst nicht als solche missverstanden wissen will.

Climate Action Tracker, Nov. 2025 van Vuuren, zit. n. watson.ch, Mai 2026 CMIP7/ScenarioMIP, April 2026
Was einst nur bedrohliche Zukunft war, beginnt konkret zu werden
⚠ Unvollständig

Richtig als Richtungsaussage – aber der Text bleibt auf der Ebene der Andeutung. Weiß nennt als Beleg Frankreichs zweite Rekordhitzewelle im Juni. Was fehlt, ist der Blick auf die bereits messbaren deutschen Daten, die zeigen: Der mittlere Pfad ist nicht ein künftiges Problem. Er ist Gegenwartsgeschichte.

Deutschland hat sich von 1881 bis 2022 um 1,7 °C erwärmt – schneller als der globale Schnitt von 1,1 °C im selben Zeitraum (DWD). Seit 1971 beträgt die Erwärmungsrate 0,38 °C pro Jahrzehnt, dreifach beschleunigt. 2024 war mit 1,55 °C über vorindustriellem Niveau das wärmste Jahr in 175 Jahren Messreihe (WMO). Diese Zahlen stammen alle aus dem mittleren Szenario – dem Korridor, den auch CMIP7 nicht verändert.

DWD Klimaatlas / Klimastatusbericht 2026 WMO State of the Global Climate 2024
Was der Text nicht enthält
Was der mittlere Pfad für Deutschland konkret bedeutet – in Zahlen
◐ Blinder Fleck

Der Kommentar beschreibt den Klimawandel primär als Zukunftsproblem im Übergang zur Gegenwart. Die deutschen Messdaten zeigen: Er ist längst Gegenwart. Alle nachfolgenden Zahlen stammen aus dem mittleren Szenario – nicht aus dem gestrichenen Extrempfad.

Indikator Messwert Quelle
Hitzetote 1994 und 2003 Je rund 10.000 RKI
Hitzetote 2018 Rund 8.700 RKI
Übersterblichkeit 2018–2020 (3 Folgejahre) Knapp 20.000 RKI
Dürre 2018–2020: schwerste Europas seit Über 250 Jahren Rakovec et al. 2022, Earth's Future
Ertragseinbußen Getreide in Dürrejahren Bis zu 25 % UFZ-Dürremonitor
Dürreschaden 2022 (Landwirtschaft) Rund 3,6 Mrd. € Bauernverband
Wiederzubewaldende Schadfläche (Stand 2023) Knapp 100.000 ha BMEL
Extremwetterschäden Deutschland 2000–2021 Mind. 145 Mrd. € IÖW/GWS/Prognos 2023, BMWK
Kumulierte Schäden 2022–2050 (Erwartungswert) ~280–920 Mrd. € Flaute et al. 2022, BMWK

Diese Zahlen beschreiben keinen apokalyptischen, sondern genau jenen mittleren Pfad, den Weiß selbst als Verortung wählt. Das macht sie für eine vollständige Einordnung des Themas unverzichtbar.

RKI, Hitzetote 2018–2022 Rakovec et al. 2022, DOI 10.1029/2021EF002394 IÖW/GWS/Prognos 2023, BMWK UBA KWRA 2021
Fazit der Redaktion
Marlene Weiß liefert einen nachdenklichen, differenzierten Kommentar. Die Einordnung des CMIP7-Vorgangs ist im Wesentlichen korrekt: Das Extremszenario wurde nicht wegen falscher Wissenschaft gestrichen, sondern weil Klimaschutz gewirkt hat. Ihr Hinweis auf Biodiversität als möglicherweise schwieriger lösbare Krise ist berechtigt und selten genug zu lesen. Der blinde Fleck liegt woanders: Der „mittlere Pfad" klingt moderater als er ist. 2,64 °C Erwärmung bis 2100 unter aktueller Politik, Hitzetote in fünfstelliger Zahl bei jedem Hitzesommer, Extremwetterschäden in dreistelliger Milliardensumme – das ist der Pfad, auf dem Deutschland sich bereits befindet. „Diesseits der Apokalypse" ist kein beruhigender Ort.
🔍 Transparenz & Methodik

25. Juni 2026

Jörg Schwieder, AutomobilBusiness.de

10 Studien und Datenquellen

Aussagen-Extraktion → Quellenabgleich → redaktionelles Urteil

van Vuuren et al. (2026): ScenarioMIP/CMIP7, Geoscientific Model Development, April 2026 · Climate Action Tracker: Global Update, 13. Nov. 2025 · WMO: State of the Global Climate 2024 · Rakovec et al. (2022): 2018–2020 European drought, Earth's Future, DOI 10.1029/2021EF002394 · RKI: Hitzebedingte Sterbefälle, verschiedene Jahrgänge · IÖW/GWS/Prognos (2023): Kosten von Klimaschäden in Deutschland, BMWK · DWD: Klimaatlas; Klimastatusbericht 2026 · UBA: Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 (KWRA); Stellungnahme SSP5-8.5, Mai 2026 · Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle: Stellungnahme, Mai 2026 · dpa Faktencheck zu SSP5-8.5, Mai 2026

Die Recherche und Strukturierung der Analyse wurde mit Claude von Anthropic durchgeführt. Alle Urteile unterliegen der redaktionellen Verantwortung von AutomobilBusiness.de.