Fact-Check: „Der große E-Auto-Rückzug – mindestens zwölf Unternehmen kippen ihre Pläne"
Die Zahl stammt aus der Financial Times und wird im Artikel korrekt attribuiert. Das Phänomen selbst – ein Strategieschwenk weg von reinen BEV-Plänen bei Mercedes, Ford, Volvo und Stellantis – ist gut dokumentiert. Die konkrete Zahl „mindestens zwölf" ist jedoch nicht unabhängig überprüfbar, da der FT-Artikel hinter einer Paywall liegt. Merkur übernimmt sie ohne eigene Verifikation. Gravierender: Das Wort „kippen" ist dramatisierend. In den meisten Fällen handelt es sich um Verschiebungen von Zeitplänen oder eine Ausweitung des Hybridangebots – nicht um eine vollständige Abkehr von der Elektromobilität. Der EY-Experte Constantin Gall spricht von einem „Strategieschwenk zurück zum Verbrenner", was ebenfalls überspitzt ist: Die meisten Hersteller fahren parallele Strategien.
Diese Aussage ist in zwei Punkten falsch. Erstens: Die EU-Kommission hat im Dezember 2025 einen Vorschlag zur Aufweichung des Verbrenner-Aus vorgelegt – dieser ist aber noch nicht beschlossen. Er muss noch durch EU-Parlament und Ministerrat, mit offenem Ausgang. Das „Kippen" als vollendete Tatsache darzustellen ist sachlich unzutreffend.
Zweitens, und das ist der gravierendere Fehler: Der Artikel behauptet, nach 2035 seien nur noch Hybrid-Fahrzeuge zugelassen, reine Verbrenner jedoch nicht mehr. Das ist das genaue Gegenteil des tatsächlichen Kommissionsvorschlags. Die neue Regelung senkt das CO₂-Reduktionsziel von 100% auf 90% – und erlaubt damit ausdrücklich auch reine Verbrenner nach 2035, sofern die fehlenden 10% durch grünen Stahl oder E-Fuels kompensiert werden. Hybride sind nicht Pflicht, sondern eine Option unter mehreren. Frankreich hatte sogar Widerstand dagegen angekündigt, dass reine Verbrenner weiter erlaubt sein sollen.
Die EY-Studie vom 20. März 2026 belegt dies: EU-Exporte nach China sanken 2025 um 34% auf 16 Mrd. Euro, chinesische Importe in die EU stiegen auf 22 Mrd. Euro. Der Claim stimmt. Allerdings fehlt eine wichtige Einschränkung: In den „Kfz-Teilen" sind laut EY auch E-Auto-Batterien enthalten, die chinesische Anbieter dominieren. Zudem produzieren europäische Hersteller wie BMW (Mini), VW (Cupra Tavascan) und Mercedes (Smart) in China und exportieren diese Fahrzeuge dann nach Europa – sie zählen in der Statistik als „chinesische Importe". Das Bild ist deutlich differenzierter als der Artikel suggeriert. Für Deutschland gilt zudem: Die deutschen Exporte nach China übersteigen die Importe aus China noch immer – der Artikel vermischt EU-Gesamtdaten mit der deutschen Situation.
Gut belegte Aussage. Fraunhofer ISI, Öko-Institut und ifeu haben in einer gemeinsamen Studie nachgewiesen, dass PHEVs im Realbetrieb deutlich mehr Kraftstoff verbrauchen und höhere CO₂-Emissionen erzeugen als offiziell angegeben. Der Kontext fehlt im Artikel jedoch weitgehend – die Aussage bleibt eine unbelegte Randnotiz, obwohl sie für die Einordnung der EU-Regelung zentral wäre.
Das Lamborghini- und Ferrari-Beispiel ist authentisch belegt und korrekt zitiert. Motorensound ist im Luxus- und Supersportsegment ein nachgewiesener Kauftreiber. Als Erklärung für den „Rückzug" der gesamten Branche taugt es jedoch nicht: Mercedes, Ford und Stellantis agieren im Volumen- und Premiumsegment, wo Motorensound keine nachweislich relevante Kaufentscheidung darstellt. Die Verallgemeinerung vom Nischen-Luxussegment auf die gesamte Industrie ist ein klassischer Kompositionsfehler. Die eigentlichen Gründe – ausbleibende Absatzzahlen, zu hohe Investitionsvorleistungen, politische Unsicherheit – werden von EY-Experte Gall im selben Artikel präziser benannt.
23. März 2026
Jörg Schwieder, AutomobilBusiness.de
7 unabhängige Quellen
Claim-Extraktion → Quellenabgleich → redaktionelles Urteil
EY-Studie Automobilwirtschaft, März 2026 · ADAC: EU-Verbrenner-Aus, Dez. 2025 · ORF: EU-Kommission Verbrenner-Aus, 16. Dez. 2025 · Wirtschaftswoche: Verbrennerverbot, März 2026 · Carwow: Verbrenner-Aus Faktencheck, Dez. 2025 · Fraunhofer ISI / Öko-Institut / ifeu: PHEV-Realbetrieb-Studie · Financial Times: E-Auto-Strategieschwenk (Paywall)
Die Recherche und Strukturierung der Analyse wurde mit Claude von Anthropic durchgeführt. Alle Urteile unterliegen der redaktionellen Verantwortung von AutomobilBusiness.de.