Fact-Check: „Diesseits der Apokalypse"
Korrekt. Im April 2026 veröffentlichte eine 44-köpfige Forschergruppe das neue Szenario-Rahmenwerk für das Coupled Model Intercomparison Project Phase 7 (CMIP7), die Grundlage künftiger Klimamodellierungen im Umfeld des IPCC. Darin fehlt SSP5-8.5 (Vorgänger: RCP8.5). Die Autoren begründen das mit sinkenden Kosten für erneuerbare Energien, realer Klimapolitik und aktualisierten Emissionstrends. SSP5-8.5 hätte eine Verfünffachung des weltweiten Kohleverbrauchs bis 2100 vorausgesetzt – ein Stresstest-Konstrukt, keine Prognose.
Wichtig: Die Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle stellt klar, dass es sich bei dem CMIP7-Papier um keine neue offizielle Einschätzung des Weltklimarats handelt. Der nächste IPCC-Sachstandsbericht erscheint erst 2029. Medial wurde die Streichung in Teilen dramatisch als „Klimarat sagt Apokalypse ab" gerahmt – das ist falsch. Weiß macht diesen Fehler nicht.
Korrekt und präzise. Das Szenario wird nicht gestrichen, weil die Klimaforschung sich geirrt hätte, sondern weil sich die Welt verändert hat. Der Ausbau erneuerbarer Energien hat das Wachstum fossiler Stromerzeugung in den letzten Jahren faktisch gebremst. In China steigt die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken trotz wachsendem Strombedarf seit Ende 2023 nicht mehr an. Klimaforscher Erich Markus Fischer (ETH Zürich) nennt das ein „Präventionsparadox": Die schlimmsten Szenarien seien nicht eingetreten, weil viele Staaten Klimaschutz betreiben.
Weiß formuliert das treffend: Die erneuerbaren Energien sind vielerorts billiger als fossile, grüne Technologien ein Standortvorteil. Das liegt nicht an Idealismus, sondern an Marktmechanismen. Ein Argument gegen den weiteren Ausbau lässt sich daraus nicht ableiten – im Gegenteil.
Korrekt als Einordnung. Der Climate Action Tracker beziffert die globale Erwärmung unter aktueller Politik auf 2,64 °C bis 2100. Das neue Worst-Case-Szenario in CMIP7 liegt bei rund 3,5 °C. Klimaforscher Detlef van Vuuren (Universität Utrecht), der an den neuen Szenarien mitarbeitete, kommentierte: Die Folgen einer Erwärmung um 3,5 Grad seien „schon schlimm genug" – und ohne ausreichende Gegenmaßnahmen seien auch höhere Werte noch möglich.
Das Pariser Ziel von 1,5 °C gilt als praktisch unerreichbar ohne sofortigen, drastischen Kurswechsel. „Mittlerer Pfad" ist damit keine Beruhigung, sondern eine Lagebeurteilung – die Weiß selbst nicht als solche missverstanden wissen will.
Richtig als Richtungsaussage – aber der Text bleibt auf der Ebene der Andeutung. Weiß nennt als Beleg Frankreichs zweite Rekordhitzewelle im Juni. Was fehlt, ist der Blick auf die bereits messbaren deutschen Daten, die zeigen: Der mittlere Pfad ist nicht ein künftiges Problem. Er ist Gegenwartsgeschichte.
Deutschland hat sich von 1881 bis 2022 um 1,7 °C erwärmt – schneller als der globale Schnitt von 1,1 °C im selben Zeitraum (DWD). Seit 1971 beträgt die Erwärmungsrate 0,38 °C pro Jahrzehnt, dreifach beschleunigt. 2024 war mit 1,55 °C über vorindustriellem Niveau das wärmste Jahr in 175 Jahren Messreihe (WMO). Diese Zahlen stammen alle aus dem mittleren Szenario – dem Korridor, den auch CMIP7 nicht verändert.
Der Kommentar beschreibt den Klimawandel primär als Zukunftsproblem im Übergang zur Gegenwart. Die deutschen Messdaten zeigen: Er ist längst Gegenwart. Alle nachfolgenden Zahlen stammen aus dem mittleren Szenario – nicht aus dem gestrichenen Extrempfad.
| Indikator | Messwert | Quelle |
|---|---|---|
| Hitzetote 1994 und 2003 | Je rund 10.000 | RKI |
| Hitzetote 2018 | Rund 8.700 | RKI |
| Übersterblichkeit 2018–2020 (3 Folgejahre) | Knapp 20.000 | RKI |
| Dürre 2018–2020: schwerste Europas seit | Über 250 Jahren | Rakovec et al. 2022, Earth's Future |
| Ertragseinbußen Getreide in Dürrejahren | Bis zu 25 % | UFZ-Dürremonitor |
| Dürreschaden 2022 (Landwirtschaft) | Rund 3,6 Mrd. € | Bauernverband |
| Wiederzubewaldende Schadfläche (Stand 2023) | Knapp 100.000 ha | BMEL |
| Extremwetterschäden Deutschland 2000–2021 | Mind. 145 Mrd. € | IÖW/GWS/Prognos 2023, BMWK |
| Kumulierte Schäden 2022–2050 (Erwartungswert) | ~280–920 Mrd. € | Flaute et al. 2022, BMWK |
Diese Zahlen beschreiben keinen apokalyptischen, sondern genau jenen mittleren Pfad, den Weiß selbst als Verortung wählt. Das macht sie für eine vollständige Einordnung des Themas unverzichtbar.
25. Juni 2026
Jörg Schwieder, AutomobilBusiness.de
10 Studien und Datenquellen
Aussagen-Extraktion → Quellenabgleich → redaktionelles Urteil
van Vuuren et al. (2026): ScenarioMIP/CMIP7, Geoscientific Model Development, April 2026 · Climate Action Tracker: Global Update, 13. Nov. 2025 · WMO: State of the Global Climate 2024 · Rakovec et al. (2022): 2018–2020 European drought, Earth's Future, DOI 10.1029/2021EF002394 · RKI: Hitzebedingte Sterbefälle, verschiedene Jahrgänge · IÖW/GWS/Prognos (2023): Kosten von Klimaschäden in Deutschland, BMWK · DWD: Klimaatlas; Klimastatusbericht 2026 · UBA: Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 (KWRA); Stellungnahme SSP5-8.5, Mai 2026 · Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle: Stellungnahme, Mai 2026 · dpa Faktencheck zu SSP5-8.5, Mai 2026
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