Ein Schock mit Ursachen

Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel den Iran an. Teheran schloss daraufhin am 4. März die Straße von Hormus, durch die täglich rund 20 Millionen Barrel Öl fließen, etwa ein Fünftel der globalen Versorgung.[1] Der Brent-Rohölpreis schoss von 72 auf zeitweise 126 US-Dollar pro Barrel. An deutschen Tankstellen schlug das mit Verzögerung, aber mit Wucht durch. Diesel stieg vom 27. Februar bis zu seinem Spitzenwert am 7. April um 70 Cent pro Liter, Benzin um 41 Cent. Wer zweimal im Monat volltankte, zahlte plötzlich fast 50 Euro mehr als ein Jahr zuvor.[2]

Der Waffenstillstand vom 8. April entpuppte sich als kurze Atempause. Die Islamabad-Gespräche scheiterten, am 13. April verhängten die USA eine Seeblockade gegen Iran, die erst am 29. Mai beendet wurde. Die Bundesregierung reagierte mit einem befristeten Tankrabatt von 14,04 Cent pro Liter, gültig vom 1. Mai bis 30. Juni 2026. Die Preise sanken im Mai auf einen Durchschnitt von 1,983 Euro für Super E10 und 1,991 Euro für Diesel.[3] Der ADAC bewertete das als unzureichende Entlastung und mahnte, die Mineralölkonzerne hätten die Krisenlage für überhöhte Margen genutzt.

Für den Autohandel war der unmittelbare Preisdruck weniger relevant als das, was er im Kopf der Kunden auslöste.

Die Zahlen: Ein Markt in Bewegung

Die Zulassungsstatistik des Kraftfahrt-Bundesamts zeigt, was Förderpolitik und Ölkrise gemeinsam bewirken. Im März 2026 überholten rein batterieelektrische Fahrzeuge mit einem Marktanteil von 24,0 Prozent erstmals die reinen Benziner (22,8 Prozent), ein historischer Wechsel.[4] Im April lagen 64.350 BEV-Neuzulassungen vor, ein Plus von 41,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, Marktanteil 25,8 Prozent. Im Mai wurden 59.969 BEV neu zugelassen, plus 39,3 Prozent, Marktanteil exakt 25,0 Prozent.[5] Kumuliert für Januar bis Mai 2026: 283.949 rein elektrische Neuzulassungen. Benziner verloren im Mai 23,7 Prozent, Diesel 13,0 Prozent.

Monat BEV-Zulassungen Veränderung ggü. Vorjahr Marktanteil
März 2026 70.663 +66,2 % 24,0 %
April 2026 64.350 +41,3 % 25,8 %
Mai 2026 59.969 +39,3 % 25,0 %
Jan–Mai 2026 kumuliert 283.949 +41,0 %

Wichtige Einschränkung

Zwischen Bestellung und Zulassung liegt ein Verzug von teils mehreren Monaten. Die starken März-bis-Mai-Zahlen spiegeln primär die neue staatliche Kaufprämie (bis zu 6.000 Euro für Privatkäufer mit Einkommen unter 80.000 Euro, rückwirkend ab Januar 2026) und den verschärften EU-CO₂-Flottengrenzwert wider, der Hersteller zu aggressiven Rabatten und Leasingangeboten zwingt. Die direkte Wirkung der hohen Spritpreise auf Kaufentscheidungen dürfte sich erst in der zweiten Jahreshälfte 2026 vollständig zeigen. Drei Kräfte wirken zusammen. Die Ölkrise ist eine davon, nicht die einzige. (VDA-Präsidentin Hildegard Müller, April 2026)

Was das für den Handel bedeutet: Gebrauchtmarkt

Für Händler ist der Gebrauchtwagenmarkt der unmittelbarste Schauplatz. Die Ausgangslage ist paradox: Gebrauchte Elektroautos sind heute so günstig wie nie, und gleichzeitig so gefragt wie nie.

Der Medianpreis für gebrauchte BEV fiel Anfang 2026 erstmals unter 30.000 Euro (AutoUncle, Basis: über 275.000 Inserate).[6] AutoScout24 meldete für 2025 einen Durchschnittspreis von 34.800 Euro, minus 4,1 Prozent gegenüber Vorjahr. Ursache ist eine Welle von Leasingrückläufern aus dem Boom-Jahrgang 2022/2023, die nun den Markt flutet, ergänzt durch neue Einstiegsmodelle unter 25.000 Euro wie VW ID.2, Renault 5 E-Tech und Citroën ë-C3, die zusätzlichen Druck auf Gebrauchtpreise ausüben. Dazu kommt der Kannibalisierungseffekt der Neuwagen-Kaufprämie: Wer gefördert wird, kauft neu.

Die Restwerte liegen laut DAT-Report 2026 bei nur 49 bis 50 Prozent des Listenneupreises nach drei Jahren, deutlich unter Benzinern (63 Prozent) und Dieseln (61 Prozent).[7] Besonders Premium-Modelle bluten: Ein Mercedes EQE verlor laut Carvago-Analyse fast 70 Prozent seines Neupreises in drei Jahren. Wertstabilere Ausnahmen sind der Mini Aceman E mit 59,7 Prozent Restwert nach vier Jahren, der Renault R5 E-Tech mit 58,8 Prozent und der Audi A6 e-tron Avant mit 57 Prozent.

Auf der Nachfrageseite dreht sich das Bild. Seit dem Kriegsausbruch hat sich das Interesse an gebrauchten Elektroautos spürbar erholt: Im März stieg die Nachfrage auf AutoScout24 um 39 Prozent gegenüber dem Vormonat, während Diesel-Gebrauchte 16 Prozent und Benziner 10 Prozent verloren.[8]

„Der Preis an der Zapfsäule ist für viele längst mehr als ein Ärgernis. Er wird zunehmend zum konkreten Anlass, die eigene Mobilität neu zu bewerten."

Stefan Schneck, Deutschland-Vertriebschef AutoScout24, April 2026

Für Händler bedeutet das konkret: Der gebrauchte Stromer, der noch vor zwei Jahren 59 Tage im Bestand stand, ist heute nach 53 Tagen weg.[9] Ein dreijähriger VW ID.3 Pro S ist 2026 realistisch unter 20.000 Euro zu haben, ein Tesla Model 3 Standard Range ab rund 18.500 Euro. Das sind Preispunkte, die neue Käuferschichten ansprechen, Menschen, die bisher keinen Elektroauto-Kauf erwogen hatten.

Die Kehrseite der Prämie

Was den BEV-Neuzulassungen nützt, schadet dem Gebrauchtwagengeschäft. Der AUTOHAUS Pulsschlag 06/2026, eine monatliche repräsentative Händlerbefragung, zeigt das in aller Deutlichkeit: Nur noch 33 Prozent der Händler sind im Mai 2026 mit ihren Gebrauchtwagen-Abschlüssen zufrieden, im April waren es noch 47 Prozent. 45 Prozent zeigen sich weniger zufrieden. Das ist der Höchstwert der gesamten Zeitreihe seit Mai 2025.[10]

Warum gebraucht kaufen, wenn ich einen Neuen gefördert bekomme? AUTOHAUS Pulsschlag 06/2026, Kerntese zur GW-Stimmung im Mai

Geförderte E-Neuwagen konkurrieren seit Mai direkt ums Privatkundenbudget, zulasten der Gebrauchten. Gleichzeitig gaben die europäischen GW-Preise im Mai erstmals seit Jahresbeginn nach, wie der Auto1-Preisindex ausweist.

Das ist die Nebenwirkung einer Förderpolitik, die auf Neuwagen zielt: Sie zieht kaufkräftige Privatkunden, die eigentlich in den Gebrauchtmarkt gehört hätten, in den Showroom für Neues. Für den GW-Handel bedeutet das im Frühjahr 2026 ein Doppelproblem, sinkende Nachfrage bei gleichzeitig wachsendem Angebot durch die Leasingrückläufer-Welle.

Was den BEV-Boom nach wie vor bremst

Kein Händler sollte die Nachfragedaten mit einem Durchbruch verwechseln. Drei strukturelle Hindernisse bleiben, die den Handel direkt betreffen.

Lademöglichkeit: 72 Prozent der Bevölkerung haben keine häusliche Lademöglichkeit, das ist der mit Abstand wichtigste Hinderungsgrund laut DAT-Report 2026.[7] Für Mieter in Mehrfamilienhäusern, für Käufer ohne Garagenstellplatz ist ein BEV ohne Wallbox kein attraktives Produkt, unabhängig davon, wie teuer Sprit gerade ist. Händler, die Kunden nicht aktiv auf Ladelösungen ansprechen und beratend eingreifen, vergeben Abschlusschancen.

Ladekosten: Das öffentliche Laden kostet im Median rund 60 Cent pro Kilowattstunde, erheblich über dem Haushaltsstrompreis von 39,6 Cent.[11] Für Vielfahrer ohne Wallbox schrumpft der Betriebskostenvorteil des BEV damit unter Umständen erheblich. Für die meisten Kunden, die ihr Fahrzeug zu rund 90 % zuhause laden, spielt der Preiswucher an manchen öffentlichen Säulen in der Gesamtbetrachtung jedoch nahezu keine Rolle. Wer einem Kunden ein Elektroauto verkaufen möchte, sollte eine plausible Beispielrechnung parat haben, am besten aus eigenem Erleben.

Kaufkraft: Die Ölkrise verteuert nicht nur den Sprit, sondern treibt über Transportkosten die Inflation. Das IW Köln hat berechnet, dass ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel die Verbraucherpreise in Deutschland 2026 um 0,8 Prozent erhöht und das reale BIP um 0,3 Prozent drückt.[12] Wer weniger kaufkräftig ist, schiebt die Entscheidung für ein neues, teureres Auto auf.

Dazu kommt ein Phänomen, das ZDK-Präsident Thomas Peckruhn benennt: Bereinigt um Eigenzulassungen der Hersteller hatte der BEV-Markt 2025 erst wieder das Niveau von 2023 erreicht. Der Schein-Boom durch Herstellerregistrierungen überzeichnet die tatsächliche Kaufnachfrage.

Strategische Konsequenzen für Händler

Was folgt daraus für die Praxis?

Gebrauchte BEV sind eine unmittelbare Chance. Wer jetzt gezielt Leasingrückläufer einkauft, zertifiziert und mit nachvollziehbarem Batteriestatus anbietet, besetzt eine Lücke, die der Markt noch nicht erschlossen hat. 64 Prozent der Bevölkerung können sich laut einer DEKRA/Ipsos-Erhebung keinen gebrauchten Stromer vorstellen, vor allem wegen Batteriesorgen und fehlender Akkutransparenz.[13] Wer mit überprüfbaren State-of-Health-Daten und klarer Kommunikation arbeitet, kann jetzt seinen Marktvorsprung ausspielen.

Die Beratungstiefe ist entscheidend. Gebrauchte E-Autos stehen im Schnitt immer noch doppelt so lange im Bestand wie Verbrenner. Der Hauptgrund ist kein Preisproblem, sondern Vertrauenssache. Kunden brauchen Antworten auf konkrete Fragen: Wie lange hält der Akku noch? Was kostet das Laden wirklich? Wie plane ich längere Fahrten? Geschulte Händler, die das Gespräch anhand plakativer Praxisbeispiele kompetent führen können, erobern sich jetzt eine neue Marktnische.

Gleichzeitig geraten Verbrenner-Restwerte unter Druck. Steigende E-Auto-Nachfrage verschiebt das Gefüge: Diesel- und Benzin-Gebrauchte verlieren an Attraktivität, während BEV zulegen. Wer seinen Gebrauchtwagenbestand heute noch einseitig auf Verbrenner ausgerichtet hat, sollte seine Einkaufsstrategie überdenken.

Tankrabatt endet am 30. Juni 2026

Die staatliche Energiesteuer-Senkung von 14,04 Cent pro Liter läuft Ende Juni 2026 aus. Was danach mit den Spritpreisen passiert, hängt von einer geopolitischen Lage ab, die niemand sicher einschätzen kann. Händler tun gut daran, sich nicht auf den Ölpreis als permanenten Treiber zu verlassen, sondern die Transformation als Daueraufgabe anzugehen.

Einordnung: Wo der Markt steht

Die Branchenprognosen für 2026 wurden nach dem starken ersten Quartal nach oben revidiert. Der VDA erwartet inzwischen rund eine Million Elektrofahrzeuge, der ZDK 1,1 Millionen Fahrzeuge mit Stecker (BEV und PHEV zusammen), der VDIK 640.000 bis 740.000 reine BEV.[14] Die Spannweite dieser Zahlen zeigt, wie unsicher die Prognose bleibt.

„Die große Mehrheit der Neuwagenkäufer entscheidet sich weiterhin für einen Verbrenner. Daran wird sich bis auf weiteres auch nichts ändern, trotz hoher Spritpreise, trotz milliardenschwerer Förderung."

Constantin Gall, EY-Experte Automotive, 2026

McKinsey sieht den Massenmarkt-Durchbruch erst zwischen 2027 und 2030. Und 24 Prozent der deutschen E-Auto-Besitzer wollen laut McKinsey beim nächsten Kauf zum Verbrenner zurückkehren, ein Wert, der die Beratungsqualität im Handel als Erfolgsfaktor neu beleuchtet.[15]

Der Vergleich mit 2022 ist erhellend. Damals, nach Beginn des Ukraine-Kriegs, stieg der E-Auto-Konfigurationsanteil bei MeinAuto.de von 27 auf 35 Prozent. Heute liegt er bei Carwow bei 63 Prozent. Der Markt ist reifer, das Angebot breiter, die Kaufprämie wirkt. Und trotzdem gilt dieselbe Grundregel wie damals: Gesteigertes Interesse und tatsächliche Kaufentscheidung sind zwei verschiedene Dinge. Der Handel ist das Scharnier dazwischen.

Quellen

  1. [1]Wikipedia: 2026 Strait of Hormuz crisis. Schließung durch Iran am 4. März 2026 nach US-israelischem Angriff; täglich ca. 20 Mio. Barrel betroffen.
  2. [2]Tagesspiegel Interaktiv / Tankerkönig (Markttransparenzstelle für Kraftstoffe): Live-Grafiken Spritpreise Deutschland, April 2026. tagesspiegel.de
  3. [3]ADAC: Kraftstoffpreisentwicklung Deutschland, Monatsdurchschnitte Mai 2026; Pressemitteilung Tankrabatt 3. Juni 2026. adac.de
  4. [4]Kraftfahrt-Bundesamt (KBA): Pressemitteilung Fahrzeugzulassungen März 2026. kba.de
  5. [5]Kraftfahrt-Bundesamt (KBA): Pressemitteilung Fahrzeugzulassungen Mai 2026, veröffentlicht 3. Juni 2026. kba.de
  6. [6]AutoUncle: Gebraucht-BEV-Marktanalyse Deutschland, Basis 275.000+ Inserate, Anfang 2026.
  7. [7]DAT-Report 2026: Gebrauchtwagenmarkt, Restwerte und Lademöglichkeiten. Deutsche Automobil Treuhand, vorgestellt 27. Januar 2026.
  8. [8]AutoScout24 / ecomento.de: Auswertung Gebraucht-BEV-Nachfrage März 2026, +39 % gegenüber Vormonat. Veröffentlicht 1. April 2026.
  9. [9]AutoScout24 / Automobilwoche: Standtage gebrauchte BEV März 2025 vs. März 2026 (59 vs. 53 Tage). Berichtet ecomento.de, Mai 2026.
  10. [10]AUTOHAUS Pulsschlag 06/2026: Händlerbefragung Gebrauchtwagengeschäft, Zufriedenheit mit GW-Abschlüssen Mai 2026. Springer Fachmedien.
  11. [11]BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft): Ladeinfrastruktur und Ladepreise, Jahresbericht 2025/2026. bdew.de
  12. [12]IW Köln / Statista: Geschätzte Auswirkungen dauerhaft hoher Ölpreise auf die deutsche Wirtschaft, 2026. iwkoeln.de
  13. [13]DEKRA / Ipsos: Verbraucherumfrage Gebraucht-BEV-Akzeptanz, 2026. dekra.de
  14. [14]VDA, ZDK, VDIK: Jahresprognosen BEV-Neuzulassungen 2026, revidiert nach Q1-Zahlen. Pressemitteilungen April/Mai 2026.
  15. [15]McKinsey & Company: European Electric Vehicle Report 2026; EY: Automotive Consumer Survey 2026. mckinsey.com / ey.com