Herr Weeber, Sie gelten in der Branche vielen als Vorreiter in Sachen Digitalisierung, Prozessoptimierung – und jetzt auch bei der Nutzung von KI-Anwendungen. Was treibt Sie an?

A. Weeber: Die Kosten. Wir sind hier im Großraum Stuttgart, Baden-Württemberg in einem absoluten Hochlohngebiet und gleichzeitig von einem sehr starken Fachkräftemangel und dem demografischen Wandel betroffen. Unser Augenmerk galt daher der Effizienzsteigerung, und das schon sehr lange. Wir haben bereits 2014 unsere erste Digitalstrategie definiert. Ein, zwei Jahre später haben wir uns das erste Mal mit KI auseinandergesetzt, zusammen mit dem KIT (Karlsruher Institut für Technologie). Damals war KI noch etwas völlig Neues und, anders als heute, noch nicht für jeden zugänglich.

Gab es damals auch schon eine KI-Anwendung, die Sie in der Praxis eingesetzt haben?

A. Weeber: Wir haben versucht vorauszusagen, welcher Kunde wann welche Ersatzteile benötigt. Allerdings hatten wir damals nicht ausreichend Daten, um die KI zu trainieren. Es wäre ein Vielfaches an Datenmengen nötig gewesen. Wir konnten zwar relativ genau vorhersagen, dass, wenn ein Kunde einen Ölwechsel bestellt, ich neben dem Öl auch eine Ölablaßschraube benötige. Aber für diese Erkenntnis benötige ich keine KI, das klappt auch mit gesundem Menschenverstand.

Und inzwischen funktioniert die Anwendung?

A. Weeber: Genau, wir haben das Projekt damals eingestellt, mittlerweile, im Jahr 2025, läuft es. Angefangen haben wir aber zunächst mit Softwarerobotern, also regelbasierter Software, keiner KI. Für diese Projekte haben wir eine eigene Abteilung gegründet.

Sie haben eine interne Abteilung zur Softwareentwicklung gegründet?

A. Weeber: Richtig, und zwar komplett englischsprachig.

Englischsprachig, warum das?

A. Weeber: Weil deutschsprachige Fachkräfte in dem Bereich schwer zu finden sind. Wir haben hier in der Nachbarschaft IBM, HP, Bosch, Mercedes, Porsche, Bertrand, also die ganzen großen Industrieunternehmen, die natürlich auch Leute in dem Bereich suchen. Die fegen den Markt leer. Erst als wir angefangen haben, international nach Entwicklern zu suchen, sind wir fündig geworden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dieser Abteilung und dem Autohausbetrieb?

A. Weeber: Über einen speziellen Mitarbeiter, wir nennen ihn unseren Dolmetscher. Er ist einmal dafür da, die Anforderungen von Autohausseite auf Englisch zu übersetzen und an das IT-Team weiterzugeben. Aber was eigentlich noch viel wichtiger ist: Dieser Mitarbeiter hat bei uns im Autohaus eine Ausbildung gemacht, er versteht Autohausprozesse. Das heißt, er erstellt in Zusammenarbeit mit den Autohausleuten ein Lastenheft an die Programmierer – und klärt umgekehrt, wie die Entwickler die Umsetzbarkeit einschätzen oder ob es von deren Seite Vorschläge gibt.

Wie werden denn in Ihrem Haus die „Painpoints“ im Betrieb ermittelt, zu deren Lösung dann möglicherweise eine KI-Applikation beitragen kann?

A. Weeber: Auch diese Aufgabe übernimmt unser Dolmetscher, natürlich in Abstimmung mit den Kollegen im Autohaus.

Wie nähert man sich als Autohaus am besten dem Thema KI? Hatten Sie anfangs Berater?

A. Weeber: Für unser RPA, also die Robotic Process Automation, hatten wir eine externe Firma beauftragt. Wir haben uns im Prinzip einen Prozess rausgepickt und ihn mit dieser Firma umgesetzt. Wir haben aber auch vereinbart: Okay, wenn ihr das aufbaut, wollen wir euch über die Schultern gucken können und dabei lernen. Ähnliches würde ich auch jedem Autohaus im Bereich KI empfehlen. Man sucht sich ein kleines, einfaches Projekt und einen Berater, und setzt es um.

Was sagen Ihre Mitarbeiter zu solchen Projekten?

A. Weeber: Man muss schon Überzeugungsarbeit leisten. Software ist kompliziert. Und IT? Nimmt die mir den Arbeitsplatz weg? Nach einem solchen ersten Projekt verstehen viele besser: Ok, auf diese Art können IT und KI mir helfen. Arbeitserleichterung. Zeitersparnis. Und zwar genau bei den Aufgaben, die ich sowieso nicht gerne mache. Trotzdem bleibt es eine fortlaufende Aufgabe, alle mitzunehmen und zu motivieren. Das geht am besten über eigenes Erleben. Am Ende bleibt mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten.

Nutzen Sie auch heute noch externe Experten?

A. Weeber: Inzwischen eher selten, denn wir haben uns jetzt über Fortbildungen eine eigene Kompetenz aufgebaut und geben mittlerweile auch eigene KI-Schulungen für Mitarbeiter. Das macht meine Frau.

Wo nutzen Sie im Betrieb nun gezielt KI-gestützte Anwendungen?

A. Weeber: Einmal im Service wie zuvor schon angedeutet. Wir versuchen zu prognostizieren, welche Servicearbeiten bei einem Kundenfahrzeug fällig sind, bevor dieses zu uns ins Haus kommt. Welche Arbeiten müssen erledigt werden, welche Teile brauchen wir? Beispielsweise könnte die Schlüsselbatterie bald leer sein, eine kleine, aber für den Kunden sehr ärgerliche Sache, wenn man sie vergisst und er in 14 Tagen erneut bei uns auflaufen muss. Das KI-Tool spart uns Zusatzaufwand und trägt zu einer besseren Kundenzufriedenheit bei.

Und woher kamen in diesem Fall die Trainingsdaten für eine solche KI-Lösung?

A. Weeber: Dafür haben sich drei große Autohausgruppen zusammengetan und anonymisiert ihre ganzen historischen Werkstattdaten zusammengeschnitten. Damit haben wir dann quasi diese KI antrainiert. Im Gegensatz zu unserem Versuch vor rund zehn Jahren sind das einmal sehr viel mehr Daten – und zum anderen liefert die KI inzwischen mit deutlich weniger Trainingsdaten erheblich bessere Ergebnisse.

Welche KI-Tools verwenden Sie noch?

A. Weeber: Wir haben beispielsweise eine App entwickelt, mit der wir unsere internen Workflows steuern. Das heißt, wir erkennen die Fahrgestellnummer in der Windschutzscheibe über eine KI. Und das sehr zuverlässig, fast ohne Fehlscans. Wenn ich die von Hand abschreibe, habe ich deutlich mehr Fehler. So halten wir einfach die Handykamera drauf und die Nummer wird eingelesen, fast wie ein Barcode oder ein QR-Code.

Wo genau kommt hier KI zum Einsatz?

A. Weeber: Zunächst wird in Sekundenbruchteilen die Fahrgestellnummer mehrfach fotografiert und mit einem zusätzlichen Regelwerk für die KI abgeglichen. Das sind ein paar Logikabfragen, wie etwa die Zahl der Stellen einer Fahrgestellnummer oder die Reihenfolge von Zahlengruppen. Ebenso die Unterscheidung von Null und dem Buchstaben „O“. Damit wird sichergestellt, dass kein Fehler passiert, selbst wenn mal etwas Dreck auf der Zahl ist oder ein Regentropfen. Das alles gelingt nur mit einer Mustererkennung durch KI und entsprechender Wahrscheinlichkeitsberechnung.

Ok, damit werden also Fahrgestellnummern perfekt, schnell und sicher erfasst. Wie unterstützt das die Prozesse im Betrieb?

A. Weeber: Die perfekte Erfassung selbst bei verschlossenem Auto ist ein kleiner Effekt, aber spart viel Arbeit und Zeit. Mithilfe dieser Fahrgestellnummer haben wir einen konsistenten Prozess: Ich weiß jederzeit, wo im Haus sich ein Fahrzeug gerade befindet: Auf dem Hof, in der Aufbereitung, in der Werkstatt. Denn bei jedem Scan werden auch die Geokoordinaten des Fotos mitgeliefert. Damit sehen wir, welche Prozesse bei uns wie lange dauern. Steht das Fahrzeug zu lange auf dem Parkplatz rum? Wo sind die Flaschenhälse, wo können wir beschleunigen? Die Wirkung ist enorm: bei den Standzeiten 0 und 1 sind wir inzwischen doppelt so schnell wie zuvor, das spart uns einige Standtage. Die dadurch ersparten Beträge liegen im sechsstelligen Bereich.

Wo kommt sonst noch KI zum Einsatz?

A. Weeber: Dort, wo unsere Techniker in schriftlichen Kundenkontakt treten. Das sind Leute aus der Technik, die haben kein Deutschstudium absolviert. Hier hilft KI, einen adäquaten Kundenbrief zu formulieren. Oder auch im Controlling, für bestimmte Auswertungen. Oder im Marketing, hier läuft bei uns fast nichts mehr ohne KI. Videogenerierung, Soundgenerierung, Bildgenerierung, Kampagnengenerierung, Textgenerierung. Hauptsächlich mit dem Ziel, schneller zu werden. Wir können damit beispielsweise in Social-Media-Kanälen zeitnah auf Themen reagieren, für die ich nicht vorab noch ein Fotoshooting organisieren kann.

Das heißt, Sie beschäftigen keine externen Agenturen mehr für solche Jobs?

A. Weeber: Das war auch vorher schon eher selten, wir machen vieles intern. Agenturen erledigen für uns Großprojekte wie etwa eine neue Homepage.

Wie ist die Resonanz der Kunden auf KI-generierte Medien – wird das überhaupt bemerkt?

A. Weeber: Zum Teil bemerken es die Kunden schon. Und das ist auch okay. Ein Bild von einem Autohaus, das nun in eine Winterlandschaft gesetzt wurde, und ein Adventskranz davor, das finden Kunden eher nicht schlimm. Was Kunden, glaube ich, wichtig ist, dass der persönliche Kontakt immer noch mit echten Menschen erfolgt. Der Voicebot kommt dann nur beim Telefonüberlauf zum Einsatz und schafft unseren Mitarbeitern mehr Freiraum. Im Zweifel weiß der Anrufroboter heute mehr als früher der Betriebspraktikant.

Was kann Ihr Voicebot?

A. Weeber: Zum einen geht er jederzeit ans Telefon, auch spätnachts oder am Sonntag. Man kann mit ihm einen Werkstatttermin vereinbaren oder technische Fragen zum gerade erworbenen Auto stellen, wenn man ihn zuvor mit den entsprechenden Bedienungsanleitungen der Fahrzeuge trainiert hat. Eine der häufigsten Fragen lautet: Wie sind eure Öffnungszeiten? Es ist ein bisschen so wie mit den Bedienterminals bei McDonalds: Es ist eine Frage der Gewöhnung. Am Anfang standen noch alle Kunden brav in der Kassenschlange. Heute nutzt fast jeder die Terminals, weil es einfach bequemer und schneller ist. Und McDonalds spart sich Personalkosten.

Gibt es KI-Tools, die den Verkauf unterstützen?

A. Weeber: Wir haben eine KI-gestützte Vertragsdatenbank, mit der wir die Themen Vertragsauslauf, Neuausschreibungen usw. automatisch im Blick behalten. Früher musste das händisch in Tabellen gepflegt werden.

Hilft KI auch bei der Leadbearbeitung?

A. Weeber: Jein. Im Moment sträube ich mich noch ein bisschen dagegen, denn ich bin der Meinung, da muss man aktuell noch mit gesundem Menschenverstand drüberschauen. Helfen kann KI aber schon bei der Formulierung von Antworten. Ein sauberes Kundenanschreiben ohne Tippfehler ist schon mal ein guter Fortschritt. Das nutzen aber nicht alle Verkäufer, manche machen das lieber noch per Hand. Da müssen wir weiter Überzeugungsarbeit leisten, denn natürlich ist man mit KI-Hilfe viel schneller, selbst wenn man später noch einige Korrekturen vornehmen muss.

Gretchenfrage: Eigenes KI-Tool programmieren lassen oder eins von der Stange nehmen?

A. Weeber: Unterschiedlich. Wenn es ausgereifte und kostengünstige Lösungen gibt wie etwa den Voicebot, verwenden wir den. Gibt es noch keine Lösung, überlegen wir, ob es sich wirtschaftlich lohnen würde, sie selbst zu entwickeln.

Wie schützen Sie die Daten Ihrer Kunden und beachten DSGVO bzw. den EU-AI-Act?

A. Weeber: Dafür haben wir Langdock im Einsatz. (Anm.: Langdock bietet nach eigener Auskunft eine Plattform für den zentralisierten und sicheren Zugang zu KI-Sprachmodellen, um Unternehmen bei der KI-Adoption zu unterstützen.) Klar kann auch Langdock gehackt werden, aber es handelt sich um eine deutsche Firma, die die Datenschutz-Konformität absichert. Wir würden trotzdem nicht auf die Idee kommen, dort irgendwelche Kundendaten hochzuladen.

Ihr Unternehmen ist rund 750 Mitarbeiter stark. Glauben Sie, KI-Anwendungen würden sich auch für kleinere Betriebe rechnen?

A. Weeber: Klassische LLM(Large-Language-Modell)-Lösungen definitiv, die 29 Euro pro Mitarbeiter und Monat sind gut investiert. Man könnte auch die kostenlosen Versionen nutzen, die sind jedoch hinsichtlich des Datenschutzes eine absolute Katastrophe. Alles andere wäre vermutlich mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

Jetzt zum Abschluss vielleicht noch ein Blick in die Zukunft. Wobei könnte KI Ihrem Betrieb in Zukunft noch helfen?

A. Weeber: Ein Zukunftsthema ist die Termindisposition in der Werkstatt. Im Moment macht das ein Mitarbeiter. Aber es gibt ständig Änderungen: Ein Mechaniker braucht länger, der andere ist schneller fertig. Darauf muss ich schnell reagieren können. Wenn wir das beispielsweise für Karosserie & Lack hinbekommen, wäre das ein großer Fortschritt. Ein zweiter Zukunftsbereich ist das Thema Assistenz. Ich rechne damit, dass immer mehr Autohaus-spezifische Assistenten kommen werden, die verschiedene Aufgaben komplett übernehmen können. Etwa die angesprochene Leadbearbeitung. Jeder Mitarbeiter im Verkauf bekommt dann einen KI-Assistenten als Unterstützung.

Herr Weeber, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!