Die Szenario-Korrektur: was sich wirklich geändert hat

Was steckt hinter dieser Korrektur? Anfang April 2026 hat das Forschungskonsortium ScenarioMIP den Szenariorahmen für die kommende IPCC-Modellgeneration neu geordnet. SSP5-8.5, in älteren Berichten als RCP8.5 geführt, gilt darin nicht mehr als plausibler Pfad; auch das zweithöchste Szenario SSP3-7.0 fällt aus dem Satz der vorrangig gerechneten Modellläufe.[2] Das neue obere Szenario setzt einen Strahlungsantrieb von 6,7 Watt pro Quadratmeter im Jahr 2100 an, vereinfacht das Maß für die zusätzliche Energie, die Treibhausgase im Klimasystem halten. Es läuft damit rund 0,9 Grad kühler als das gestrichene Extremszenario: Der Worst Case verschiebt sich von etwa plus 5 auf etwa plus 3,5 Grad bis 2100.

Am Erwartungswert ändert das allerdings wenig. Der Climate Action Tracker beziffert die Erwärmung unter aktueller Politik in seinem Global Update vom 13. November 2025 auf 2,64 Grad bis 2100.[3] Wie nah die Welt diesem Pfad bereits gekommen ist, zeigen die Messwerte: 2024 lag die globale Mitteltemperatur laut WMO bei 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau, das wärmste Jahr der 175-jährigen Messreihe. 2025 folgte mit rund 1,42 Grad als zweit- oder drittwärmstes Jahr.[4] Deutschland erwärmt sich schneller als der globale Schnitt: im linearen Trend von 1881 bis 2022 um 1,7 Grad, seit 1971 mit 0,38 Grad pro Dekade dreimal so schnell wie zuvor.[5]

Für die folgenden Abschnitte ist ein methodischer Hinweis wichtig: Viele deutsche Primärquellen wie der DWD-Klimaatlas oder das UBA-Monitoring rechnen noch im älteren RCP-Raster. Zur Übersetzung: RCP2.6 entspricht ungefähr einer Zwei-Grad-Welt, RCP4.5 einer Welt zwischen 2,5 und 2,9 Grad, RCP8.5 dem inzwischen unwahrscheinlichen oberen Rand. Wo RCP8.5-Werte auftauchen, sind sie entsprechend gekennzeichnet; der realistische Korridor liegt zwischen RCP2.6 und RCP4.5.

Erwärmung bis 2100: Erwartungswert vs. Szenario-Korridor nach der CMIP7-Korrektur (April 2026)

Temperatur und Extremwetter

Am deutlichsten zeigt sich der Wandel dort, wo ihn jeder spürt: bei der Hitze. Die Zahl der Heißen Tage über 30 Grad hat sich im deutschen Flächenmittel von rund drei im Jahr 1951 auf mittlerweile 8,8 fast verdreifacht.[5] Im Rheintal liegen die Werte regional schon heute deutlich darüber, und auch Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, nehmen zu. Das andere Ende der Skala verschwindet zugleich: Frosttage gehen von 94 pro Jahr im Referenzzeitraum 1971 bis 2000 kontinuierlich zurück. Mehr Wärme bedeutet zugleich mehr Wasser in der Atmosphäre: 24-Stunden-Starkregen im Winter hat seit 1951 um rund 25 Prozent zugenommen.[5]

IndikatorSzenariobis 2045bis 2075
Heiße Tage (>30 °C), Westfälische BuchtRCP4.5steigend6 → 13 (2071–2100 vs. 1971–2000)
Heiße Tage, RheintalRCP8.5, oberer Randmehrere Regionen >1530 bis 70
Frosttage, Rückgang ggü. 94/JahrRCP2.6 bis RCP8.5minus 18 bis minus 56 Tage
StarkregenintensitätClausius-Clapeyronfortgesetztplus 7 %/°C, konvektiv bis plus 14 %/°C

Regional verschiebt sich das Bild: Sommer werden im Westen trockener, im Nordosten teils nasser, Herbste im Südosten trockener.[6] Bei kurzen, konvektiven Starkregenereignissen, also Gewittergüssen, ist die Datenlage noch dünn, weil flächendeckende Radardaten erst seit 2001 vorliegen. Die Physik dahinter gilt unabhängig davon: Pro Grad Erwärmung kann die Atmosphäre rund sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen, bei Gewitterlagen steigt die Niederschlagsintensität sogar um bis zu 14 Prozent pro Grad. Diese Clausius-Clapeyron-Beziehung liegt auch den Projektionen in der Tabelle zugrunde.

Wasserversorgung

Wie verletzlich die Wasserversorgung bereits ist, hat die jüngste Vergangenheit gezeigt. Die Dürreperiode von April 2018 bis Dezember 2020 gilt als die schwerste in Europa seit über 250 Jahren; die zugrunde liegende Rekonstruktion des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung reicht bis ins Jahr 1766 zurück.[7] Betroffen war rund ein Drittel der europäischen Landfläche, die in dieser Zeit 2,8 Grad wärmer war als im langjährigen Mittel. In Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt trockneten die Böden bis in 1,8 Meter Tiefe aus. Was das für die Versorgung bedeutet, zeigt der Blick auf den Rhein: Rund 60 Millionen Menschen entlang des Flusses hängen von aufbereitetem Flusswasser ab.

IndikatorSzenariobis 2050bis 2075/2100
Rhein, SommerabflussKLIWAminus 5 bis minus 15 %weiter sinkend
Rhein, WinterabflussKLIWAplus 10 bis plus 20 %
Transportkapazität RheinBfGminus 10 %bis 2100 fast minus 25 %
Dürredauer Europa, betroffene FlächeRCP4.5bis 100 Monate, 50 % der Fläche
Dürredauer Europa, betroffene FlächeRCP8.5, oberer Randüber 200 Monate, 70 % der Fläche
Alpengletscheraktuelles TempoRhein kaum noch gepuffertbis 2100 bis zu 90 % verschwunden

Das Abflussregime des Rheins verschiebt sich von zwei Maxima im Frühjahr und Sommer zu einem einzelnen Wintermaximum. Extreme Niedrigwasser wie 2018, historisch alle 20 bis 60 Jahre zu erwarten, könnten laut Bundesanstalt für Gewässerkunde bis Ende des Jahrhunderts alle 5 bis 15 Jahre auftreten.[8] Verschärft wird das durch den Rückzug der Alpengletscher, die den Fluss bislang in Trockensommern puffern: 2018 machte ihr Schmelzwasser am Durchfluss in Basel zeitweise 25 Prozent aus, an der deutsch-niederländischen Grenze bei Lobith noch 17 Prozent. Fällt dieser Puffer weg, sinkt der Pegel in Trockensommern nach DWA-Angaben um bis zu 30 Zentimeter zusätzlich.

Wiederkehrperiode von Rhein-Niedrigwasser wie 2018, historisch vs. Projektion Ende des Jahrhunderts (Quelle: BfG)

Ernährung und Landwirtschaft

Auf den Feldern sind die Dürrejahre längst bilanziert. 2018, 2019 und 2022 sanken die Getreideerträge laut UFZ-Dürremonitor um bis zu 25 Prozent; bei Mais meldete die Landwirtschaftskammer Niedersachsen für 2022 Einbußen von 20 Prozent und mehr gegenüber dem Durchschnitt. Den Dürreschaden allein des Jahres 2022 bezifferte der Bauernverband auf rund 3,6 Milliarden Euro.[9] Hinter den Ausfällen steckt vor allem Hitze zur falschen Zeit: Steigt die Temperatur in der Kornfüllungsphase um ein Grad, sinken die Weizenerträge in Süddeutschland um bis zu acht Prozent. Wie stark dieser Effekt durchschlägt, zeigte das Hitzejahr 2003, als die Winterweizenerträge in Baden-Württemberg um 14 Prozent fielen und in Brandenburg um 9 Prozent.

KulturQuelleAussage
Mais, gemäßigte ZonenPIK/NASA/Columbia (Jägermeyr et al.)messbare Klimafolgen ab etwa 2032; bis Ende Jh. global bis minus 24 %
Weizen, gemäßigte ZonenPIK/LMUglobal bis zu +17 % durch CO₂-Düngeeffekt möglich, aber stark wasserlimitiert
WeinbauDt. Weinbauverband, Geisenheimseit 2020 Anbau in allen 13 Flächenländern; Riesling wandert nach Norden, mehr Rotweinsorten, pilzwiderstandsfähige PiWi-Sorten im Aufwind; neue Krankheiten wie Esca und Schwarzholzkrankheit auf dem Vormarsch
KulturverschiebungUBASoja im Südwesten möglich; Kartoffeln, Roggen, Hafer ungünstiger

Für Deutschland ergibt sich ein zweischneidiges Bild: In gemäßigten Lagen kann der CO₂-Düngeeffekt Weizenerträge teils stützen, während wichtige Lieferregionen für Importe, insbesondere der Mittelmeerraum und Osteuropa, deutlich stärker unter Ertragsverlusten leiden. Das erhöht das Versorgungsrisiko, selbst wenn die heimische Erzeugung vergleichsweise robust bleibt.

Meeresspiegel und Küsten

Global stieg der Meeresspiegel zwischen 1901 und 2018 um rund 20 Zentimeter, mit einer beschleunigten Rate von 3,7 Millimetern pro Jahr im Zeitraum 2006 bis 2018. An deutschen Küsten lässt sich eine Beschleunigung bislang statistisch noch nicht eindeutig nachweisen, in Hamburg hat sich der lokale Anstieg jedoch von 2,27 Millimetern pro Jahr (1993 bis 2002) auf 4,62 Millimeter im letzten Jahrzehnt verdoppelt.

Regionbis 2050bis 2100bis 2150
Travemünde (Ostsee)11–45 cm22–116 cmbis 139 cm bei Eisschild-Risiko
Deutsche Bucht/Nordsee30–110 cm, bis 1,40 m nicht ausgeschlossenCuxhaven rund 1 m selbst im niedrigen Emissionspfad
Sturmfluthöhe Nordseeplus 40 bis 120 cm inkl. Windeffekt

Der Schutzaufwand ist gewaltig: Norddeutschland muss 1.400 bis 1.500 Kilometer Deichlinie erhöhen, auch mitten durch Hamburg und Bremen. Hamburg zeigt, wie langfristig dabei geplant werden muss. Die Stadt richtet ihre Schutzanlagen aktuell auf den Horizont 2050 aus, denkt aber bereits bis 2150 voraus und legt sie auf bis zu 9 Meter Höhe an.[10] Selbst das reicht an einer Stelle nicht: Bei einem Anstieg von 50 bis 110 Zentimetern halbiert sich die Entwässerungskapazität der Siele bis 2040 beziehungsweise 2060, und ohne massiven Ausbau von Schöpfwerken bleibt bis 2060/2080 kaum noch Kapazität übrig. Zugleich steigt das Sturmflutrisiko: Ein Ereignis wie die Hamburg-Flut von 1962 könnte bei fortgesetztem Anstieg statistisch alle 5 bis 10 Jahre wiederkehren. Am stärksten exponiert sind die niedrig liegenden Marschen Schleswig-Holsteins und Niedersachsens sowie das Wattenmeer, dessen Fähigkeit mitzuwachsen ab einer kritischen Anstiegsrate als unsicher gilt.

Meeresspiegelanstieg Travemünde/Ostsee, Bandbreiten nach Zeithorizont (Quelle: IPCC AR6)

Gesundheit

Die Hitzejahre 1994 und 2003 forderten laut Robert Koch-Institut je rund 10.000 hitzebedingte Sterbefälle, 2018 rund 8.700. Zwischen 2018 und 2020 trat erstmals in drei aufeinanderfolgenden Jahren eine signifikante Übersterblichkeit auf, zusammen fast 20.000 Tote.[11] Deutschland zählt nach Italien und Spanien zu den drei EU-Ländern mit den höchsten absoluten Hitzetotenzahlen.

Mit der Wärme verschiebt sich auch das Krankheitsspektrum. Das West-Nil-Virus ist in Teilen Brandenburgs, Berlins, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens bereits endemisch; 2024 traten erste Fälle in Norddeutschland auf, 2025 der erste in Bayern. Die Asiatische Tigermücke, potenzieller Überträger von Dengue- und Chikungunya-Viren, hat sich in Teilen Baden-Württembergs, in Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen etabliert.[12]

Hinzu kommen Belastungen, die nicht von Erregern ausgehen. Die Pollensaison beginnt früher und dauert länger: Die Hasel blüht im Zeitraum 1991 bis 2020 im Mittel rund zweieinhalb Wochen früher als in der vorigen DWD-Vergleichsperiode. An heißen Tagen steigt zudem die Ozonbelastung. An der Messstation Stuttgart-Bad Cannstatt wurde der EU-Zielwert in den Hitzesommern 2018 und 2022 47- beziehungsweise 40-mal überschritten.

BereichQuelleAussage
Hitzebelastung/MortalitätUBABelastung bis Ende des Jahrhunderts mehr als verdoppelt
West-Nil-VirusRKIAusweitung der Endemiegebiete erwartet
Tigermücke/DengueECDC/RKIweitere Ausbreitung wahrscheinlich, bislang keine autochthone Übertragung in Deutschland
PollensaisonDWD/RKIfrühere Blüte, längere Saison, Ausbreitung von Ambrosia in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen

Auch die psychische Gesundheit gehört in dieses Bild: Für Extremereignisse wie die Ahrtal-Flut sind psychische Folgen dokumentiert, wozu die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie 2022 ein eigenes Positionspapier vorgelegt hat.

Wälder und Ökosysteme

Im Wald ist die Dürre am sichtbarsten geblieben. Trockenstress schwächt vor allem die Fichte, und eine geschwächte Fichte wehrt den Borkenkäfer nicht mehr ab: Seit 2018 sind daraus bundesweit Schadholzmengen entstanden, die knapp 100.000 Hektar zur Wiederbewaldung zwingen. Wie tief der Schaden reicht, zeigen die Waldzustandsberichte 2023. In Baden-Württemberg wiesen 44 Prozent der Waldfläche deutliche Schäden auf, bei einer mittleren Kronenverlichtung von 26,9 Prozent. In Thüringen galten nur noch 18 Prozent der Waldbäume als gesund; allein dort fielen seit 2018 mehr als 19 Millionen Festmeter Käferholz auf rund 110.000 Hektar an.[13]

Baumart/IndikatorQuelleAussage
Buche (Baden-Württemberg)FVA-BWab etwa 2050 in den wärmsten Regionen keine geeigneten Wuchsbedingungen mehr
Fichtebeobachtet/projiziertweitgehender Ausfall in unteren Lagen, Verlagerung der Kalamität in Mittelgebirge
Vegetationszeit, NRWRCP8.5, oberer Rand178 auf 209 bis 235 Tage bis 2071–2100
BrandrisikoDWD/UBAsteigend, besonders in Kiefernforsten Ost- und Nordostdeutschlands

Der Wald ist dabei nur ein Beispiel unter vielen. Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Umweltbundesamts stufte 2021 rund 30 Wirkungsbereiche als sehr dringend ein, darunter die Folgen von Hitze für die Gesundheit, von Trockenheit und Niedrigwasser für die Ökosysteme und von Starkregen für die Infrastruktur. Was das alles kostet, lässt sich inzwischen beziffern.

Wirtschaft und Infrastruktur

Zwischen 2000 und 2021 summierten sich die Extremwetterschäden in Deutschland auf mindestens 145 Milliarden Euro.[14] Bemerkenswert ist die Verteilung: 80 Milliarden davon, mehr als die Hälfte, entfielen auf die Jahre ab 2018. Hitze und Dürre der Sommer 2018 und 2019 schlugen mit rund 35 Milliarden Euro zu Buche. Wie unmittelbar solche Ereignisse auf die Industrie durchschlagen, zeigte das Rhein-Niedrigwasser 2018: Bei BASF verursachte es rund 250 Millionen Euro Mehrkosten, das Bruttoinlandsprodukt sank nach Berechnungen des IfW Kiel um etwa 0,4 Prozent. Hinzu kommen Verluste, die keine Schlagzeile machen. Allein die hitzebedingten Produktivitätseinbußen beziffert die Europäische Umweltagentur auf rund 7 Milliarden Euro pro Jahr.

IndikatorSzenarioAussage
Kumulierte Schäden 2022–2050schwach/mittel/stark280 / rund 500 / bis rund 920 Mrd. €
Jährliche Kosten 2050BMWK-Studie20 bis 70 Mrd. € (0,6–1,8 % BIP)
Binnenschifffahrt Rheinbis 2050/2100minus 10 % bis minus 25 % Transportkapazität
Biodiversität/BodenverschlechterungUBAbis 2050 ggf. 20–30 Mrd. €/Jahr Verlust

Die Verwundbarkeit zieht sich durch alle Netze. Hitze belastet Schienen und Straßen unmittelbar, Niedrigwasser auf Rhein und Elbe behindert Schwer- und Massenguttransporte für Chemie, Stahl und Mineralöl, und Flusskraftwerke müssen bei warmem Wasser und niedrigem Pegel zugleich ihre Leistung drosseln. Entsprechend registriert die Versicherungswirtschaft laut GDV und Munich Re seit 2000 einen jährlichen Anstieg klimabedingter Schäden von 4 bis 5 Prozent.

Eine Zahl fällt in dieser Bilanz allerdings positiv aus: Anpassung wirkt. Nach der BMWK-Studie lassen sich die Schäden im schwachen Erwärmungsszenario durch entsprechende Investitionen vollständig vermeiden, im mittleren um rund 80 Prozent und selbst im starken Szenario noch um 60 Prozent senken.

Kumulierte Extremwetterschäden in Deutschland, real vs. Projektion nach Erwärmungsgrad (Quelle: BMWK/Flaute et al. 2022)

Der unsichere Faktor: Golfstrom

Alle bisher genannten Zahlen setzen voraus, dass sich das Klimasystem grob linear verhält: mehr Emissionen, mehr Erwärmung, entsprechend mehr Schaden. Für einen Teil des Systems gilt diese Annahme nicht.

Kippelemente

Ein Teil der beschriebenen Folgen kehrt sich nicht einfach wieder um, wenn die Emissionen sinken. Nach der Kippelement-Synthese von Armstrong McKay et al. 2022 (Science)[15] gerät im Korridor von 2 bis 3 Grad, also genau im Bereich dieses Beitrags, eine deutlich wachsende Zahl der rund 16 identifizierten globalen Kippelemente in den Bereich des Überschreitens. Dazu zählen der langfristige Kollaps des grönländischen und des westantarktischen Eisschilds sowie ein abruptes Auftauen von Permafrostböden, das zusätzliches Methan und CO₂ freisetzt. Einmal ausgelöst, laufen diese Prozesse über Jahrhunderte bis Jahrtausende weiter, selbst bei sofortigem Emissionsstopp.

Ob sich mehrere Kippelemente gegenseitig zu einer sich selbst tragenden Kettenreaktion verstärken können, die sogenannte „Hothouse Earth"-Hypothese von Steffen et al. 2018[16], ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Dieses Forschungsfeld gilt als aktiv, mit geringerem Vertrauensniveau als die einzelnen Kippelemente selbst.

Ein Kippelement verdient dabei besondere Aufmerksamkeit, weil es Europa unmittelbar betrifft: der Golfstrom, präziser die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC). Sie zählt selbst zu den Kernelementen dieser Synthese und trägt wesentlich zum milden Klima des Kontinents bei. Der IPCC bewertete 2021 eine Abschwächung im 21. Jahrhundert als sehr wahrscheinlich, mit 90 bis 100 Prozent Wahrscheinlichkeit selbst bei konsequentem Klimaschutz; bei Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels rechneten die Modelle im Median mit einem Rückgang um rund 20 Prozent. Einen vollständigen Kollaps vor 2100 hielt der IPCC damals mit mittlerem Vertrauen für eher unwahrscheinlich. Allerdings liegen direkte Messungen der Strömung erst seit 2004 vor.[17]

Seit 2025 hat sich die Einschätzung mehrerer Forschungsgruppen spürbar verschoben. Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung mit der Universität Bergen vom August 2025 hält einen Kollaps nach 2100 bei hohem Emissionspfad für plausibel; einmal ausgelöst, käme die Strömung den Modellen zufolge über 50 bis 100 Jahre vollständig zum Erliegen.[18] Portmann et al. glichen in Science Advances im April 2026 erstmals systematisch Modellprojektionen mit realen Beobachtungsdaten ab und fanden die bessere Übereinstimmung ausgerechnet bei den pessimistischeren Varianten. PIK-Klimaforscher Stefan Rahmstorf, der seit 35 Jahren zur AMOC forscht, hat seine eigene Risikoeinschätzung daraufhin von früher rund 5 Prozent auf inzwischen über 50 Prozent angehoben und hält einen Kipppunkt schon Mitte des Jahrhunderts für möglich.[19]

Diese Neubewertung ist allerdings nicht unwidersprochen. Die zugrunde liegende Methodik statistischer Frühwarnsysteme gilt unter Fachleuten als umstritten: Eine gemeinsame Studie der University of Wisconsin-Madison und der University of North Carolina Wilmington vom Januar 2025 bezweifelt, dass sich mit Verfahren wie „Critical Slowing Down" bei einem derart komplexen System verlässliche Vorhersagen treffen lassen.[20]

Was das konkret für Deutschland bedeutet, lässt sich nach Einschätzung von Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, derzeit noch nicht seriös beantworten. Eine abgeschwächte Strömung würde zwar den Wärmetransport nach Norden bremsen, doch die CO₂-getriebene Erwärmung Europas, die aktuell etwa doppelt so schnell verläuft wie im globalen Mittel, könnte diesen Effekt überlagern.[21] Klarer belegt sind die indirekten Folgen: Ein südlicher verlagerter Jetstream begünstigt Sommerdürren in Mitteleuropa, und der Meeresspiegel an der westeuropäischen Küste würde zusätzlich steigen.

Fazit: Was daraus folgt, und warum das hier steht

Aus dem Forschungsstand lassen sich drei Handlungsebenen ableiten. Bis 2030 geht es darum, Hitzeaktionspläne flächendeckend umzusetzen, Städte nach dem Schwammstadt-Prinzip zu entsiegeln und den Rhein gegen Niedrigwasser zu wappnen. Bis 2035 und 2045 folgen die großen Umbauten: der Wald hin zu klimaresistenten Misch- und Laubbeständen, die Nordseedeiche auf neue Höhen, das Grundwassermanagement in den trockenheitsgefährdeten Regionen Ost- und Nordostdeutschlands. Bis 2075 schließlich sollten sich Anpassungsstrategien am realistischen Korridor von plus 2 bis 3 Grad orientieren, zugleich aber Reserven für den verbliebenen Worst Case von rund plus 3,5 Grad vorhalten.

Wann nachgesteuert werden muss, lässt sich an konkreten Schwellenwerten ablesen: an dauerhaft mehr als 7.000 hitzebedingten Sterbefällen pro Jahr nach RKI-Zählung, an Rhein-Niedrigwasser, das häufiger als alle zehn Jahre auftritt, oder an einem Pegelanstieg von mehr als 5 Millimetern pro Jahr an den deutschen Küsten. Früh zu investieren lohnt sich dabei auch ökonomisch: Nach einer Einordnung des DIW spart jeder in Klimaschutz und Anpassung investierte Euro bis zu sieben Euro an Folgekosten.

Dass dieser Beitrag auf einer Plattform für die Automobilwirtschaft erscheint, hat einen konkreten Grund. Ein Teil der beschriebenen Folgen lässt sich nicht mehr verhindern, weil er im bereits emittierten CO₂ angelegt ist. Über den Rest entscheidet die Emissionsminderung der kommenden Jahre: Sie bestimmt, an welchem Ende der oben skizzierten Bandbreiten Deutschland herauskommt. Elektromobilität auf Basis erneuerbarer Energien trägt dazu belegbar bei. Nach der aktuellsten ICCT-Analyse verursachen batterieelektrische Fahrzeuge über den gesamten Lebenszyklus 40 bis 73 Prozent weniger CO₂ als vergleichbare Verbrenner. Die Studienlage dazu haben wir bereits an anderer Stelle aufbereitet: → CO₂-Bilanz von Elektrofahrzeugen: Der wissenschaftliche Konsens 2025.

Quellen

  1. [1]Munich Re, GDV: Schadensbilanz Ahrtal-Flut 2021. munichre.com · gdv.de
  2. [2]van Vuuren, D. P. et al. (2026): ScenarioMIP für CMIP7. Geoscientific Model Development, 7. April 2026. gmd.copernicus.org
  3. [3]Climate Action Tracker: Global Update, 13. November 2025. climateactiontracker.org
  4. [4]World Meteorological Organization: State of the Global Climate 2024. wmo.int
  5. [5]Deutscher Wetterdienst: Klimaatlas/Statusbericht 2026. dwd.de/klimaatlas
  6. [6]Deutscher Wetterdienst: regionale Klimaprojektionen, vorgestellt 25.03.2026. dwd.de
  7. [7]Rakovec, O. et al. (2022): The 2018–2020 Multi-Year Drought Sets a New Benchmark in Europe. Earth's Future, DOI 10.1029/2021EF002394 (UFZ). ufz.de
  8. [8]Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG); Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). bafg.de · dwa.de
  9. [9]UFZ-Dürremonitor; Deutscher Bauernverband; Landwirtschaftskammer Niedersachsen. ufz.de · bauernverband.de
  10. [10]Freie und Hansestadt Hamburg: Hochwasserschutzplanung. hamburg.de
  11. [11]Robert Koch-Institut: Hitzemonitoring. rki.de
  12. [12]European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC); Robert Koch-Institut. ecdc.europa.eu
  13. [13]Waldzustandsbericht Baden-Württemberg/Thüringen 2023. fva-bw.de
  14. [14]BMWK-Studie (IÖW/GWS/Prognos 2023); Flaute, M. et al. (2022); IfW Kiel; GDV; Munich Re; DIW. bmwk.de
  15. [15]Armstrong McKay, D. I. et al. (2022): Exceeding 1.5°C global warming could trigger multiple climate tipping points. Science, 377(6611). science.org
  16. [16]Steffen, W. et al. (2018): Trajectories of the Earth System in the Anthropocene. PNAS, 115(33). pnas.org
  17. [17]IPCC: Sechster Sachstandsbericht (AR6), Arbeitsgruppe I, Kapitel Ozeanzirkulation, 2021. ipcc.ch
  18. [18]Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung/Universität Bergen, August 2025. pik-potsdam.de
  19. [19]Portmann, V. et al. (2026): Science Advances; Einordnung Stefan Rahmstorf, PIK. science.org/journal/sciadv
  20. [20]University of Wisconsin-Madison; University of North Carolina Wilmington: Studie zu Frühwarnmethoden bei Kipppunkten, Januar 2025. news.wisc.edu
  21. [21]Jochem Marotzke, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg. mpimet.mpg.de