Wer regelmäßig durch Produktionshallen geht, sieht sie überall: die kleinen, alltäglichen Energiefresser. Ein Zischen aus einer undichten Druckluftleitung. Ein Hallentor, das im Winter offensteht, weil der Staplerfahrer es sich spart, es nach jeder Fahrt zu schließen. Eine Deckenheizung, die vor sich hin läuft, ohne dass jemand mehr genau weiß, wofür eigentlich. Temperiergeräte für Werkzeuge, die übers Wochenende durchlaufen, "damit man Montag schnell wieder starten kann."
Auf den ersten Blick wirkt das wie Nachlässigkeit – Verschwendung, die man mit ein bisschen mehr Disziplin beheben könnte. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber ein tieferliegendes Muster, das deutlich teurer ist als ein paar offene Tore: Ein Großteil der Energieverschwendung in der Fertigung ist keine Nachlässigkeit, sondern die stille Folge eines Sparprogramms an anderer Stelle – der Instandhaltung.
Symptome kurieren statt Ursachen beheben
In der Produktion gilt oft die Faustregel "viel hilft viel". Ein Pneumatikzylinder wird schwergängig, läuft nicht mehr rund – die Lösung ist selten die Reparatur, sondern die Erhöhung des Betriebsdrucks. Das Werkzeug wird nicht mehr ausreichend gekühlt, weil die Temperierkanäle über Jahre verschmutzt sind und der Durchfluss nachgelassen hat – die Antwort ist nicht die überfällige Spülung, sondern eine noch kältere Vorlauftemperatur. Antriebe und Laufflächen, die seit Langem keine ordentliche Wartung mehr gesehen haben, brauchen mehr Energie, um überhaupt noch rund zu laufen.
In jedem dieser Fälle wird nicht die Ursache behoben, sondern das Symptom mit mehr Energieeinsatz überdeckt. Das Tückische daran: Diese Mehrkosten tauchen selten dort auf, wo die Entscheidung getroffen wurde. Sie verschwinden in der allgemeinen Energiekostenumlage – niemand rechnet sie der unterlassenen Instandhaltung zu.
Und es geht noch weiter. Schlecht gewartete Maschinen produzieren mehr Ausschuss oder liefern geringere Stückzahlen. Die Folge sind oft Zusatzschichten, um die Produktionsziele trotzdem zu erreichen – Schichten, die wiederum Energie kosten. Aus einem unterlassenen Wartungseingriff im Wert weniger hundert Euro wird so, über Umwege, ein monatlich wiederkehrender, deutlich größerer Kostenblock.
| Lochdurchmesser | Jahreskosten |
|---|---|
| 1 mm | rund 1.450 € |
| 3 mm | rund 13.000 € |
| 5 mm | rund 36.000 € |
| 10 mm | rund 145.000 € |
Annahmen: 7 bar Betriebsdruck, Dauerbetrieb (8.760 Std./Jahr), 0,30 €/kWh. Grundwert für 1 mm direkt berechnet[1], größere Durchmesser nach physikalischer Flächenskalierung hochgerechnet; die Größenordnung deckt sich mit unabhängig veröffentlichten Herstellerwerten.[2]
Der doppelte Standard: Qualität ja, Instandhaltung nein
Interessant wird es beim Vergleich mit einem Bereich, der in denselben Unternehmen völlig anders behandelt wird: dem Qualitätswesen. Hier gilt Personal als unverzichtbar. Prozesse werden laufend beobachtet, Abweichungen dokumentiert, ausreichend Kapazität wird nahezu selbstverständlich vorgehalten und verteidigt.
Die Instandhaltung dagegen wurde in vielen Betrieben in den letzten Jahren spürbar ausgedünnt – obwohl sie strukturell dieselbe Aufgabe hat: Abweichungen vom Sollzustand erkennen und beheben, bevor daraus Folgekosten entstehen. Der Unterschied ist, dass Instandhaltung heute in vielen Fällen nicht mehr präventiv arbeitet, sondern nur noch reaktiv – das vorhandene Personal läuft den akuten Ausfällen hinterher, statt Verschleiß frühzeitig zu erkennen und zu beheben.
Diese Verschiebung wird meist als Einsparung verbucht: weniger Personal, niedrigere Personalkosten, positive Zahl im Budget. Was dabei ausgeblendet wird, sind nicht die Kosten, die man durch weniger Instandhaltungspersonal spart – es sind die Kosten, die entstehen, weil man es nicht mehr hat. Der durchlaufende Kompressor, den niemand mehr fachgerecht herunterfährt, weil das Wissen fehlt. Die akzeptierte Leckage, bei der man nur die Reparaturkosten im Blick hat und vergisst, dass die verlorene Druckluft Monat für Monat, rund um die Uhr, zusätzlich Geld kostet.
Das Problem der kurzen Amortisationszeiten
Ein weiterer, strukturell wichtiger Punkt kommt hinzu: die Art, wie Investitionen in Energieeffizienz oder Instandhaltung bewertet werden. Viele Betriebe setzen interne Amortisationshürden von zwölf bis achtzehn Monaten an. Eine Investition – sei es eine Leckageortung mit anschließender Behebung, der Austausch verschlissener Antriebe oder die Schulung von Personal im energiebewussten An- und Abfahren von Anlagen – muss sich in dieser kurzen Zeitspanne rechnen, sonst wird sie nicht genehmigt.
Das Problem: Viele dieser Maßnahmen rechnen sich über zwei, drei oder fünf Jahre betrachtet klar positiv. Über die kurze Frist hinweg aber fallen sie durchs Raster. Man betrachtet Quartal für Quartal, statt einmal über einen längeren, betriebswirtschaftlich angemesseneren Zeitraum zu rechnen. Die kurzfristige Kennzahlen-Logik verhindert damit systematisch genau die Investitionen, die langfristig die Kosten senken würden – ein Muster, das sich in ähnlicher Form auch in anderen Bereichen der Industrie zeigt, etwa wenn kurzfristige Stückzahlsicherheit langfristig sinnvolle Vereinfachungen verhindert.
Energiemonitoring als Frühwarnsystem – wenn jemand da ist, der reagieren kann
Der naheliegende Ausweg heißt Energiemonitoring. Jede Anlage hat im Grunde einen definierten, bekannten Energieverbrauch für ihren jeweiligen Betriebszustand. Steigt dieser Verbrauch spürbar an, ist das ein Frühindikator: Irgendwo hat sich Verschleiß eingeschlichen, eine Leckage ist entstanden, ein Prozess läuft nicht mehr im Optimum. Genau wie das Qualitätswesen kontinuierlich die Teileprozesse beobachtet, könnte Energiemonitoring kontinuierlich die technischen Prozesse beobachten – und Abweichungen sichtbar machen, bevor sie zu größeren Schäden oder Ausschuss führen.
Doch ein Frühwarnsystem ist nur so gut wie die Fähigkeit, auf sein Signal auch zu reagieren. Wenn das Monitoring eine Abweichung meldet, aber niemand mehr die Zeit oder die Fachkenntnis hat, der Ursache nachzugehen, bleibt die Erkenntnis folgenlos. Das Signal wird sichtbar – behoben wird es trotzdem nicht.
Fazit
Die Energieverschwendung, die man in vielen Produktionshallen beobachten kann, ist selten das Ergebnis von Bequemlichkeit allein. Sie ist meist die sichtbare Oberfläche eines unsichtbaren Sparprogramms: weniger Instandhaltungspersonal, kurzfristige Amortisationslogik, eine Kostenrechnung, die Personaleinsparungen zählt, aber die dadurch verursachten Mehrkosten an anderer Stelle nicht zurückrechnet.
Wer Energiekosten in der Fertigung wirklich senken will, kommt daher nicht um zwei Dinge herum: ein Monitoring, das Abweichungen frühzeitig sichtbar macht – und eine Instandhaltung, die personell und zeitlich in der Lage ist, auf diese Signale auch tatsächlich zu reagieren. Ohne Letzteres bleibt jedes noch so gute Monitoring ein Instrument, das Probleme zwar zeigt, aber nicht löst.
Quellen
Der Fließtext dieses Beitrags stammt unverändert vom Autor Alfred Kautzki. Die folgenden Quellen belegen ausschließlich die von der Redaktion ergänzten Tabellen und Diagramme.
- [1]energie-audit24.de: "Druckluft Leckage: Kosten berechnen mit Rechner" – Berechnungsgrundlage 1 mm Leckage bei 7 bar, Dauerbetrieb, 0,11 kWh/Nm³, 0,30 €/kWh.
- [2]CS Instruments / DF Druckluft-Fachhandel GmbH: Tabelle "Einsparpotential durch ein Leckage-Messgerät" (Lochdurchmesser, Luft- und Energieverlust, Jahreskosten bei 6 und 12 bar).
- [3]Zeitschrift für Energiewirtschaft (Springer Nature): "Transaktionskosten bei Energieeffizienz-Investitionen in Unternehmen", 2014 – durchschnittliche Amortisationszeit realisierter Maßnahmen 2,1 Jahre.
- [4]cleanthinking.de, Bericht zur Studie "Volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Bewertung der Energieeffizienz in der Industrie", 2025 – mittlere Amortisationszeit 3,6 Jahre für das identifizierte Einsparpotenzial.
- [5]Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP), Universität Stuttgart, mit Fraunhofer IPA, dena, TÜV Rheinland und BDI: 3. Energieeffizienz-Index der deutschen Industrie.