Rückgewinnung mit Verlust: Die Physik dahinter

Kinetische Energie, die beim Beschleunigen aus dem Akku entnommen wurde, wird beim Verzögern teilweise zurückgespeist. Teilweise, weil jede Energieumwandlung Verluste erzeugt. Die E-Maschine läuft im Vier-Quadranten-Betrieb: Drehrichtung bleibt gleich, das Moment kehrt sich um, die Räder treiben den Rotor an statt umgekehrt. Der resultierende Drehstrom wird vom Inverter gleichgerichtet und in die Hochvoltbatterie eingespeist.

Das Problem: Diese Verlustkette läuft zweimal. Beim Beschleunigen von Akku zu Rad, beim Rekuperieren von Rad zu Akku. Selbst mit Bestwerten der einzelnen Komponenten ergibt sich ein Round-Trip-Wirkungsgrad von rund 69 Prozent. Der Akku selbst schluckt dabei nur rund 1 Prozent, der Inverter 2 bis 4 Prozent, der Motor 5 bis 20 Prozent je nach Betriebspunkt, Differential und Reifen zusammen weitere 5 bis 15 Prozent. Besonders der Motor arbeitet an den Rändern seines Kennfelds ineffizient, bei niedriger Drehzahl und hohem Moment, also genau beim langsamen Ausrollen.

Verlustkettendiagramm: Round-Trip-Wirkungsgrad
Hover über jede Stufe für Details. Werte gelten jeweils eine Richtung (Beschleunigen oder Rekuperieren).
Akku 99% ~1% Verlust
Inverter 96–98% 2–4% Verlust
E-Motor 80–95% 5–20% Verlust
Differential ~95% ~5% Verlust
Reifen/Rad 85–95% 5–15% Verlust
One-Way-Wirkungsgrad ~83%
×
One-Way-Wirkungsgrad ~83%
=
Round-Trip-Wirkungsgrad ~69%
Quelle: Jeffrey Jenkins, Charged EVs (2018); Stanford PH240 nach Schultz & Huard/Parker Motion (2013)

Warum nie 100 Prozent? Mehrere Gründe überlagern sich. Rollwiderstand und der mit dem Quadrat der Geschwindigkeit steigende Luftwiderstand dissipieren kinetische Energie als Wärme, unwiederbringlich. Unterhalb von etwa 5 km/h liefert die E-Maschine kaum noch nutzbares Generatormoment, die Hydraulikbremse übernimmt. Bei einer Notbremsung aus Höchstgeschwindigkeit übersteigt die benötigte Verzögerungsleistung die elektrische Maximalleistung um ein Vielfaches. Und bei vollem Akku nimmt die Batterie schlicht keine weitere Energie an, Rekuperation fällt auf null.

Was wirklich zurückkommt: Die Messdaten

Green NCAP hat 19 aktuelle Elektrofahrzeuge im WLTP-nahen Zyklus vermessen. Das ADAC-Technikzentrum wertete die Daten aus: Im Mittel werden rund 22 Prozent der entnommenen Energie zurückgewonnen. Spitzenreiter Nio ET7 erreicht 31 Prozent, Hyundai Ioniq 6 mit 29 Prozent liegt knapp dahinter, VW ID.5 holt 26 Prozent zurück, Tesla Model S 24 Prozent. Am unteren Ende: Cupra Born mit 16 Prozent, Dacia Spring mit 9 Prozent.[1]

„Die Rekuperation ist ein wichtiger Faktor für die Effizienz von E-Autos. Wer sie gut nutzt, kann seinen Verbrauch spürbar senken."

Dino Silvestro, Leiter Fahrzeugtest, ADAC Technikzentrum

Die Streuung erklärt sich durch Fahrzeugmasse, Motorleistung und Systemarchitektur. Der ADAC hat dasselbe am Kesselberg gemessen, einer Bergstrecke mit 5,5 Kilometern Länge und bis zu 10 Prozent Gefälle. Der Dacia Spring mit 33 kW Motorleistung rekuperiert bergab maximal 15,9 kW. Das Tesla Model Y mit 387 kW kommt auf 52,7 kW, der BMW i7 xDrive60 mit 400 kW auf 55,1 kW. Bergab-Energiebilanz im Verhältnis zur Bergauf-Energie: Dacia Spring 35 Prozent, Tesla Model Y 40 Prozent, BMW i7 50 Prozent.[1]

Das heißt aber nicht, dass der i7 das effizientere Auto ist. Der Spring verbraucht bergauf so wenig, dass er in der Gesamtbilanz vorne liegt. Leichtbau schlägt Rekuperationsleistung, immer.

Das Fahrprofil bestimmt den Ertrag mehr als das Fahrzeug. Im Stadtverkehr holt ein durchschnittlicher BEV 33 Prozent der Antriebsenergie zurück, auf der Landstraße 21 Prozent, auf der Autobahn bei maximal 130 km/h nur noch 12 Prozent. Stadt bedeutet viele Verzögerungen aus niedrigen Geschwindigkeiten, Autobahn bedeutet gleichmäßigen Fluss bei hohem Luftwiderstand.

Fahrzeug Motor / Antrieb Rekuperation WLTP-Zyklus Max. Rekup.-Leistung (Berg)
Nio ET7480 kW / AWD31 %k. A.
Hyundai Ioniq 6 AWD239 kW / AWD29 %k. A.
VW ID.5 Pro150 kW / RWD26 %k. A.
Tesla Model S560 kW / AWD24 %k. A.
Tesla Model Y Max Range387 kW / AWD23 %52,7 kW
BMW i7 xDrive60400 kW / AWDk. A.55,1 kW
Cupra Born170 kW / RWD16 %k. A.
Dacia Spring33 kW / FWD9 %15,9 kW

Leistung: Vom Kleinwagen bis zur Rennstrecke

Die maximale Rekuperationsleistung skaliert mit Motoranzahl, Motorleistung und Fahrzeugmasse. Beim Dacia Spring sind es 16 kW. Beim BMW i4 eDrive40 116 kW, beim i4 M50 mit zwei Motoren 195 kW. Der Mercedes EQS 4MATIC schafft bis zu 290 kW, der Porsche Taycan der ersten Generation ebenfalls. Mit der Modellpflege 2024 steigerte Porsche die maximale Rekuperationsleistung um mehr als 30 Prozent auf bis zu 400 kW, wobei der Zuwachs vor allem im oberen Geschwindigkeitsbereich liegt, wo kinetische Energie quadratisch mit der Geschwindigkeit zunimmt.[2]

„Bei einer Bremsung aus 100 km/h gewinnt der Taycan viermal so viel Energie zurück wie aus 50 km/h. Die kinetische Energie wächst quadratisch mit der Geschwindigkeit."

Ingo Albers, Leiter Fahrwerk Porsche Weissach (Porsche Engineering / Christophorus 403)

Der Taycan ist in dieser Hinsicht das technisch ausgefeilteste Serienfahrzeug. Die Bremskraft wird zu zwei Dritteln an der Vorderachse, zu einem Drittel an der Hinterachse aufgebracht. Entsprechend liefert der Frontmotor den größeren Teil der elektrischen Bremsleistung, obwohl der Heckmotor größer ist. Der Übergang zwischen elektrischer und hydraulischer Bremse ist durch vollständig vernetzte Leistungselektronik nahtlos, der Fahrer spürt ihn nicht.

Formel-E-Rennwagen mit visualisierten Energieströmen bei der Rekuperation

Energieflüsse im Renneinsatz: Die Formel E Gen3 rekuperiert bis zu 600 kW. © Adobe Stock

Auf der Rennstrecke sind die Dimensionen eine andere Welt. Die Formel E der Generation 3 rekuperiert bis zu 600 kW: 350 kW über den Heck-Powertrain, 250 kW über einen separaten Frontantriebsstrang, der ausschließlich für die Energierückgewinnung zuständig ist, entwickelt von Lucid Motors. Hydraulische Hinterradbremsen hat das Gen-3-Fahrzeug nicht mehr, 100 Prozent der Heckbremsung erfolgt elektrisch. Der Anteil der zurückgewonnenen Energie an der im Rennen genutzten Gesamtenergie liegt bei über 40 Prozent, gegenüber rund 25 Prozent beim Vorgänger.[3]

Die Formel 1 arbeitete von 2014 bis 2025 mit dem MGU-K: bis zu 120 kW, maximal 2 Megajoule Rückgewinnung pro Runde. Ab 2026 steigt die MGU-K-Leistung auf bis zu 350 kW bei 9 Megajoule Rückgewinnung, das Hybridmodul liefert dann rund 50 Prozent der Gesamtantriebsleistung. Die MGU-H, die Abgasenergie zurückgewann, fällt 2026 weg: Kein einziger Serienhersteller hat sie in 18 Jahren in ein Straßenfahrzeug übernommen. Die kinetische Rekuperation ist die einzige Technologie aus dem F1-Hybrid-Paket, die den Weg in die Serie gefunden hat.

SOC, Temperatur und die Grenzen des Akkus

Zwei Parameter begrenzen die Rekuperation unabhängig von der Motorleistung: Ladezustand und Temperatur der Batterie.

Bei einem Ladezustand nahe 100 Prozent nimmt die Batterie keine weitere Energie an. Rekuperation wird gedrosselt oder vollständig abgeschaltet, die Reibbremse übernimmt. Tesla zeigt diesen Zustand durch eine gestrichelte Linie im Rekuperationsbalken an. Porsche legt die Radbremse des Taycan ausdrücklich für diesen Fall hoch aus. Eine lange Bergabfahrt mit vollem Akku belastet die Hydraulikbremse so stark wie eine Rennstreckenfahrt. Praxisempfehlung: Vor einer langen Bergabfahrt keinen vollen Akku ansteuern, einen Puffer von mindestens 10 bis 15 Prozent einplanen.

Kalte Zellen reduzieren die Ladeannahme, weil die Elektrochemie bei niedrigen Temperaturen langsamer abläuft. Tesla begrenzt die Rekuperationsleistung des Model 3 bei kaltem Akku auf geschätzte 50 bis 60 kW statt der üblichen 85 kW, erkennbar am Schneeflocken-Symbol im Display. Erst nach ausreichender Erwärmung durch Fahren oder aktive Vortemperierung steht die volle Leistung zur Verfügung. BMW, Hyundai und Porsche bieten vergleichbare Vortemperierungsfunktionen an.

Voller Akku = keine Rekuperation

Wer oben am Berg mit 100 Prozent Ladestand startet, verliert den Rekuperationsvorteil der gesamten Abfahrt. Die Reibbremse übernimmt vollständig. Bei langen Gefällestrecken (Brenner, Gotthardpass) können dabei Bremstemperaturen entstehen, die für Alltagsbremsbeläge kritisch werden. Taycan und EQS sind dafür ausgelegt, viele andere Fahrzeuge weniger.

BMW B-Modus, Hyundai i-Pedal, Porsche: Warum die Philosophien auseinandergehen

Die Systemphilosophien der Hersteller unterscheiden sich erheblich, und das hat technische Gründe.

Tesla und Nissan verfolgen das One-Pedal-Prinzip konsequent: Das Fahrzeug verzögert durch Lupfen des Fahrpedals bis zum vollständigen Stillstand. Hyundai und Kia bieten es als Option über das i-Pedal an, das separat aktiviert werden muss und nach jedem Neustart zurückgesetzt wird, eine Schwachstelle, die Nutzer regelmäßig kritisieren. Der BMW B-Modus ist das Äquivalent: maximale Rekuperation, aber ohne explizite Stillstandsfunktion bei allen Modellen.

Porsche entschied sich bewusst dagegen. Beim Taycan erfolgt die Rekuperation primär über das Bremspedal, nicht über das Fahrpedal. Das sogenannte Brake-Blending koordiniert elektrische und hydraulische Verzögerung nahtlos. Rund 90 Prozent aller Alltagsbremsungen laufen vollständig elektrisch ab, ohne dass der Fahrer es bemerkt. Porsche-Ingenieure argumentieren, dass das Fahrpedal für die Längsdynamik und das Bremspedal für die Verzögerung zuständig sein sollte.

Warum ist echtes One-Pedal-Driving technisch anspruchsvoll? Das Problem liegt am unteren Geschwindigkeitsende. Die kinetische Energie eines Fahrzeugs fällt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Bei 5 km/h ist kaum noch Energie zum Zurückgewinnen da, die E-Maschine liefert kein ausreichendes Generatormoment für eine kontrollierte Verzögerung bis Stillstand. Um wirklich zu stoppen, muss die Hydraulikbremse eingreifen, und zwar so, dass der Fahrer den Übergang nicht spürt. Das erfordert eine präzise Abstimmung von Pedalkraftsensor, elektrischer Bremskraftverteilung und hydraulischem Bremskraftverstärker.

Segeln oder rekuperieren: Die Entscheidungslogik

Rekuperationsrechner: Wie viel gewinnt dein Fahrzeug zurück?
Theoretisch rückgewinnbare Energie pro Bremsung und pro 100 km – abhängig von Fahrzeugmasse, Geschwindigkeit und Systemwirkungsgrad. E_kin = ½ × m × v²
1800 kg
80 km/h
69 %
30
Kinetische Energie 0,00 kWh
Rückgewinnbar (pro Bremsung) 0,00 kWh
Rückgewinnbar (pro 100 km) 0,00 kWh

Vereinfachtes Modell. Luftwiderstand, Rollwiderstand und Temperatureinflüsse sind nicht berücksichtigt. Wirkungsgrad variiert je nach Betriebspunkt und Fahrzeug.

Diese Frage hat eine klare Antwort, die von Fahrgeschwindigkeit und Streckenprofil abhängt.

Segeln bedeutet: kein Fahrpedal, keine Rekuperation, das Fahrzeug rollt mit minimalen Fahrwiderständen frei aus. In diesem Zustand entsteht kein Generatorverlust. Rekuperieren bedeutet: die E-Maschine bremst, gewinnt Energie zurück, allerdings mit rund 30 Prozent Round-Trip-Verlust. Wer durch vorausschauendes Fahren eine Bremsung vollständig vermeidet, ist immer effizienter als jemand, der bremst und rekuperiert.

Bei gleichmäßiger Autobahnfahrt ist Segeln deshalb überlegen. Kein Brems- und Beschleunigungsvorgang bedeutet, dass keine Energie verloren geht, die zurückzugewinnen wäre. Auf der Stadtstraße mit vielen unvermeidlichen Stopps dreht sich die Logik um: Wer bremsen muss, sollte die Energie zurückgewinnen statt sie als Wärme in den Bremsscheiben zu vernichten.

Bei einem gleichmäßigen Verkehrsfluss ohne erzwungene Stopps empfiehlt sich der Modus "Segeln". Stop-and-go, Gefällestrecken und Kreisverkehre fahren sich effizienter mit Rekuperation. Wer beide Strategien situativ kombiniert, holt das Maximum heraus. Fazit ADAC-Auswertung Green-NCAP-Daten, 2024
Wann was – die Faustregeln
SituationEmpfehlungGrund
Stadtverkehr, Stop-and-go ⚡ Rekuperieren Bremsung unvermeidlich – Energie zurückgewinnen statt verheizen
Autobahn, gleichmäßige Fahrt 〜 Segeln Keine Bremsung nötig – null Verlust schlägt 70 % Rückgewinnung
Bergabfahrt / Gefälle ⚡ Rekuperieren Kinetische Energie akkumuliert sich – maximale Rückgewinnung möglich
Landstraße, wenig Verkehr 〜 Segeln Vorausschauendes Rollen vermeidet Brems-Beschleunigungs-Verluste
Kreisverkehr, Kurven ⚡ Rekuperieren Zwangsverzögerung – Energie nutzen statt verlieren

BMW hat das in die adaptive Rekuperation überführt. Das System erkennt über Navigationsdaten, Radarsensoren und Kamera, ob eine Verzögerung bevorsteht, und wählt automatisch zwischen Segeln und Rekuperieren. Bei freier Strecke schaltet es in den Segelmodus, bei erkannter Ampel oder vorausfahrendem Fahrzeug in den Rekuperationsmodus. Hyundai und Kia bieten mit dem Smart Regenerative Braking vergleichbare Funktionen.

Schadet Rekuperation dem Akku?

Nein. Nach aktuellem Forschungsstand schadet normale Rekuperation dem Akku nicht messbar.

Die relevante Studie stammt von Frambach et al. (2023), veröffentlicht im Journal of Energy Storage (Vol. 60, DOI 10.1016/j.est.2023.106681). Kernbefund: Kleine Rekuperationsimpulse erhöhen den Kapazitätsverlust nicht. Die Degradation wird hauptsächlich durch die Tiefe der Entladung und die Konstantstrom-Ladephase beeinflusst, nicht durch kurze Ladeimpulse beim Bremsen. Ergänzend Keil et al. (2017) im Journal of the Electrochemical Society (164, A3081, DOI 10.1149/2.0801713jes): vergleichbare Befunde zur rekuperationsspezifischen Alterung.[4]

Das Fraunhofer ISE beziffert Laderaten unter 0,5 C als ohne messbaren Degradationseinfluss. Rekuperation bewegt sich außer bei extremen Maximalverzögerungen schwerer Fahrzeuge in diesem moderaten Bereich. Die Geotab-Flottenauswertung von über 22.700 Fahrzeugen zeigt, dass selbst häufiges Schnellladen die Jahres-Degradation nur leicht erhöht. Schnellladen ist wesentlich aggressiver als Rekuperation.[5]

Was wirklich schadet: hohe Entladetiefe, Extremtemperaturen und dauerhafte Ladung nahe 100 Prozent. Die Rekuperation selbst ist vernachlässigbar.

Zweiräder: Wo Rekuperation ein Handling-Werkzeug wird

Elektromotorrad an Ladestation — Rekuperation als Fahrdynamik-Werkzeug

Elektromotorrad an der Ladestation: Rekuperation verbessert nicht nur die Reichweite, sondern auch das Handling. © Adobe Stock

Elektromotorräder und -roller haben gegenüber dem Pkw eine andere Ausgangslage: Der Antrieb liegt am Hinterrad, der größte Teil der Bremskraft aber am Vorderrad. Die nutzbare elektrische Bremsverzögerung am Hinterrad ist deshalb physikalisch begrenzt, bevor das Rad blockiert oder die Kippgrenze erreicht wird.

Das klingt nach Nachteil. Es ist aber nur die eine Seite. Was Rekuperation beim Zweirad einzigartig macht, ist die Präzision des elektrischen Moments. Ein Verbrennungsmotor liefert kein negatives Moment über den Antriebsstrang, Motorbremse ist grob und durch Getriebe und Kupplung gefiltert. Ein Elektromotor kann sein Gegenmoment in Millisekunden und auf den Newtonmeter genau regeln, vollkommen ruckfrei, ohne Getriebeschlag, ohne Lastwechselreaktion.

In engen Kurven, bei Haarnadelkehren und in Schräglage bedeutet das: Die Verzögerung lässt sich so feinfühlig dosieren, wie es kein Verbrennungsantrieb erlaubt. Der Fahrer kann das Hinterrad mit einem elektrischen Gegenmoment präzise belasten, die Linie halten und gleichzeitig verlangsamen, ohne dass das Hinterrad ruckt oder ausbricht. Das ist ein echter Fahrdynamikvorteil.

Der BMW CE 04 demonstriert das im Dynamic-Modus: Im Stadtverkehr wird das Bremspedal selten gebraucht, auf langen Bergabfahrten berichten Tester von Reichweitengewinnen von über 5 Kilometern. Zero Motorcycles und Energica bieten ebenfalls einstellbare Rekuperation, nach Testerfahrungen aber schwächer ausgeprägt.

Das ABS muss beim Zweirad mit Schräglagensensorik abgestimmt werden, wie beim BMW ABS Pro, weil eine zu starke Schubrekuperation am Hinterrad in der Kurve die Fahrdynamik destabilisieren kann. Das ist aufwendiger als beim Pkw, aber gelöst.

Ein Grundproblem bleibt: Viele elektrische Roller und E-Bikes mit Getriebe-Nabenmotor und Freilauf können prinzipbedingt gar nicht rekuperieren. Freilauf bedeutet, dass die Welle den Motor nicht rückwärts antreiben kann. Nur Direktläufer ohne Freilauf erlauben die Rückspeisung. Wer beim Kauf auf Rekuperation Wert legt, muss auf den Motortyp achten.

Zukunft: Wohin geht die Entwicklung?

Der Round-Trip-Wirkungsgrad von 60 bis 70 Prozent ist kein unabänderliches Naturgesetz, doch die Hebel für Verbesserungen sind klein und teuer.

Siliziumkarbid und Galliumnitrid. Herkömmliche Silizium-IGBTs lagen bei 80 bis 90 Prozent Schaltwirkungsgrad. SiC-MOSFETs reduzieren die Schaltverluste erheblich: Wolfspeed beziffert die Reduktion der Antriebsinverter-Verluste auf bis zu 78 Prozent gegenüber Silizium im EPA-Mischzyklus. Für ein Serienfahrzeug bedeutet das einen Reichweitengewinn von geschätzt 5 bis 8 Prozent. Porsche Taycan, Hyundai/Kia E-GMP-Plattform und Audi e-tron GT nutzen SiC bereits. GaN-Transistoren sind für Onboard-Lader und DC-DC-Wandler relevant, für Traktionsinverter ist SiC derzeit die belastbarere Lösung.[6]

800-Volt-Architektur. Höhere Systemspannung bei gleicher Leistung bedeutet geringere Ströme und damit geringere ohmsche Verluste. Porsche, Hyundai/Kia, Audi und zunehmend weitere Hersteller setzen auf 800 Volt. Bei der Rekuperation: höhere Rückgewinnungsleistung bei geringerem Wärmeeintrag in Kabel und Inverter.

Superkondensatoren als Puffer. Lithium-Ionen-Akkus haben einen Round-Trip-Wirkungsgrad von 90 bis 93 Prozent, Superkondensatoren von über 98 Prozent, und sie können kurze, starke Lade- und Entladeimpulse ohne Degradation verarbeiten. Im Stadtbus sind sie bereits etabliert: Maxwell Technologies liefert Systeme für über 10.000 Einheiten in China, Skeleton Technologies arbeitet mit Herstellern in Europa. Im Pkw sind Superkondensatoren als Puffer für Bremsimpulse konzeptionell attraktiv. Bis zur Serienumsetzung ist es noch ein weiter Weg, vor allem wegen Volumen, Gewicht und Kosten.[7]

„Die Formel E Gen3 hat keine hydraulischen Hinterradbremsen mehr. 100 Prozent der Heckbremsung erfolgt elektrisch. Über 40 Prozent der Rennenergie stammen aus Rekuperation."

FIA / Formel E, Technische Spezifikation Gen3, 2023

Die Formel E zeigt die Richtung: Zweiachs-Rekuperation, 600 kW Spitzenleistung, über 40 Prozent der Rennenergie aus Rekuperation. Die Übertragung auf die Serie ist nicht direkt, aber die Richtung ist klar: mehr Achsen, höhere Systemspannungen, bessere Leistungselektronik.

Was Umsteiger vom Verbrenner wissen müssen

Wer von einem Verbrenner auf ein Elektroauto wechselt, hat drei Gewohnheiten abzulegen.

Erstens: Gas lupfen bedeutet jetzt bremsen. Das Fahrzeug verzögert, sobald der Fuß vom Fahrpedal genommen wird. Das ist gewöhnungsbedürftig, dauert aber meist nur wenige Fahrten.

Zweitens: Das Bremspedal ist nicht überflüssig. Es ergänzt die elektrische Verzögerung, übernimmt bei hohen Ladezuständen die gesamte Bremsarbeit und muss regelmäßig genutzt werden. Wer wochenlang nur elektrisch bremst, sollte alle ein bis zwei Wochen bewusst kräftig mit dem Fuß bremsen, sonst korrodieren Bremsscheiben und -beläge. Einige Hersteller automatisieren das: Hyundai schleift bei aktivierter Funktion die ersten zehn Bremsungen nach einem Regengang hydraulisch, um Rostansatz zu entfernen.

Drittens: Der Akku sollte nicht voll geladen sein, wenn eine lange Bergabfahrt bevorsteht. Ein Puffer von mindestens 10 bis 15 Prozent unter 100 Prozent verhindert, dass die Rekuperation abschaltet und die Reibbremse dauerhaft übernehmen muss.

Quellen

  1. [1]ADAC Pressemitteilung, 15.03.2024: „E-Autos gewinnen bis zu 40 Prozent Energie zurück." Auswertung Green-NCAP-Messdaten (19 Fahrzeuge, WLTP-Zyklus). ADAC Kesselberg-Messung: Dacia Spring, Tesla Model Y Max Range, BMW i7 xDrive60. presse.adac.de / adac.de
  2. [2]Porsche Newsroom: „Braking for more", 2023. Ingo Albers, Leiter Fahrwerk Weissach, in Porsche Engineering / Christophorus 403. Porsche Taycan Modellpflege 2024, Rekuperationsleistung bis 400 kW. newsroom.porsche.com
  3. [3]FIA / Formula E: Technische Spezifikation Gen3 und Gen3 Evo, 2022/2023. Lucid Motors: Front-Powertrain 250 kW für Formel E Gen3. fiaformulae.com
  4. [4]Frambach et al. (2023): „Influence of recuperation on lithium-ion battery aging." Journal of Energy Storage, Vol. 60, Art. 106681, DOI 10.1016/j.est.2023.106681. Keil et al. (2017): Journal of the Electrochemical Society 164, A3081, DOI 10.1149/2.0801713jes.
  5. [5]Geotab: „Batteriezustand: Daten von über 22.700 Elektrofahrzeugen", 21 Marken. geotab.com/de. Fraunhofer ISE: Degradationsanalyse Lithium-Ionen-Zellen, Laderatenstudie.
  6. [6]Wolfspeed: SiC-MOSFET Applikationsdaten, 900V/10mΩ-Bauteil, EPA-Mischzyklus-Auswertung. wolfspeed.com. LHP Engineering Solutions: „Increasing Efficiency in Hybrid Electric Vehicles by Reducing Switching Losses in Inverters." lhpes.com
  7. [7]Skeleton Technologies / Wrightbus: Ultracap-Integration Stadtbus, 2020. electrive.com. Maxwell Technologies: Superkondensatoren für chinesische Hybridbusse, >10.000 Einheiten. Eaton Ultracapacitor Datenblatt: Round-Trip-Wirkungsgrad >98%.
  8. [8]Jeffrey Jenkins: „Regenerative braking: A closer look at the methods and limits of regen." Charged EVs, 2018. chargedevs.com. Stanford PH240, nach Schultz & Huard / Parker Motion (2013): Wirkungsgradbandbreiten E-Motor.